Kopf um Tuch

Das Burkaverbot ist nun beschlossen, über das Kopftuch wird noch diskutiert. BIBER bat zwei muslimische Journalistinnen um ihre Meinung zum angedachten Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst.

Bereitgestellt
Bereitgestellt

PRO

Shamiran Stefanos, Journalistin aus Zürich 

Es mag viele Argumente für das Recht auf das Tragen von Kopftüchern in öffentlichen Ämtern geben. Banalisieren bringt uns aber nicht weit, denn es geht nicht bloß um einen Kleidungsstil. Ein kulturelles Tuch an sich ist nicht das Problem dieser Debatte. Wie man sich religiös orientiert oder kleidet, sollte das Recht eines Individuums bleiben - sofern man sich im privaten Kontext bewegt und nichts anderes als sich selbst repräsentiert. 
Im öffentlichen Dienst fungiert man aber nicht als Privatperson, sondern arbeitet im Namen des Staates und sollte sich – unabhängig der religiösen Ausrichtung – der Neutralität verpflichten. Jede Religion hat ihren Wahrheits- und Exklusivitätsanspruch, der andere ausschließt, daher kann ein Symbol wie das Kopftuch schlichtweg nicht neutral sein. Jedoch stelle ich oftmals fest, dass das Pochen auf das Recht der «Religionsfreiheit» sehr flexibel – und für mich sinnverfehlt – eingesetzt wird. Religionsfreiheit bedeutet meines Erachtens grundsätzlich, dass jeder seine (Nicht-)Glaubensrichtung selbst bestimmen können soll und aufgrund der religiösen Ansichten auf keiner Ebene benachteiligt werden darf. Ich verstehe nicht darunter, dass man sich in einem Beamtenberuf jenen Symbolen bedienen darf, die die private Weltanschauung zum Ausdruck bringen – fairerweise auch keine Kleidungsstücke anderer Religionen. 


Kopftuch kein Grundpfeiler des Islams

Die Auslegung des Korans in Bezug auf die Schleierpflicht ist in der muslimischen Gemeinschaft selbst sehr umstritten und gehört nicht zu den Grundpfeilern des muslimischen Glaubens. Das Tragen des Kopftuchs mit seiner Herkunftsgeschichte und seinem Nutzen ist für mich weniger spirituell, sondern eher politisch, sexistisch und patriarchalisch. Wenn eine Frau ihr Haar verhüllen möchte, sollte sie das dürfen, aber nicht in der Funktion der Lehrerin als Vorbild, als Autoritätsperson und insbesondere als Repräsentantin des Staates. Unser Ziel sollte nicht die Lockerung des Neutralitätsgebots aufgrund persönlicher Religionsgefühle sein, sondern eine laufende Stärkung der Säkularisation, der (geschlechtlichen) Emanzipation und des Pluralismus.

asma aiad, kopftuch
bereitgestellt

CONTRA


Asma Aiad, Fotojournalistin aus Wien

Schon wieder wird darüber diskutiert, was Frauen tragen sollen/dürfen und was nicht. Wir glauben tatsächlich es geht nur um das Kopftuch? Nein, hier geht es um mehr: Nicht etwa um Frauenrechte, die Bewahrung der Sekularität oder Neutralität, sondern es geht schlicht und einfach um Bewahrung von Privilegien und vorhandenen Machtstrukturen. Denn solange eine Frau mit ihrem Kopftuch Putzfrau, Fließbandarbeiterin oder Telefonistin ist, hatte niemand ein Problem mit ihrem Tuch. Aber jetzt, wo die Tochter der Putzfrau allen Schwierigkeiten und Umständen zum Trotz zu einer selbstbewussten und gebildeten Frau herangewachsen ist und ihren Platz an Universitäten, in Spitälern, in Firmen oder Schulen einnehmen möchte, wird es ein Problem. Ihre Tochter will den Tisch nicht putzen, sie will am Tisch arbeiten. Plötzlich reden Männer über Gleichstellung und Frauenrechte, die sich sonst nie dafür interessiert haben und wollen junge Frauen gesetzlich diskriminieren. Mich stört, dass diese Diskussion dann weitergetragen wird von vermeintlichen Expert_innen, die über sichtbare Musliminnen sprechen und urteilen. Keine/r von diesen Leuten trägt ein Kopftuch, will aber angeblich wissen, warum jede einzelne Frau eines trägt. Dabei wird die Vielfalt von Gründen, aus denen eine Frau ein Kopftuch tragen kann, ausgeblendet und allen Trägerinnen Unterdrückung oder politische Agenda unterstellt. Doch nur eine Frau, die selbst ein Kopftuch trägt, kann über sich sprechen und ihre Begründung nennen. DEN einen Grund gibt es nicht. Es gibt ganz unterschiedliche Gründe: der eigene Wille, die religiöse Überzeugung, als modisches Accessoire, um der eigenen Identität Ausdruck zu verleihen, die Rebellion gegen herrschende Schönheitsideale und die Normierung von Frauenkörpern, und viele mehr. Auch unter muslimischen Frauen (mit und ohne Kopftuch) gibt es eine ungeheure Vielfalt an Lebensstilen und Zugängen zur Religion. Es spricht nicht nur von Arroganz, sondern auch von Unwissen, wenn dem Kopftuch nur eine einzige Bedeutung zugeschrieben wird. Ich halte daher weder was von Gesetzen für ein Kopftuchgebot noch für ein Kopftuchverbot. Das, was eine Frau trägt oder nicht, sollte im 21. Jahrhundert nicht Inhalt von Gesetzen sein, sondern nur ihr selbst überlassen sein. Ob sie sich selbst dazu entscheidet ein Kopftuch zu tragen oder ob sie sich dagegen entscheidet oder sich noch nie Gedanken darüber gemacht hat, darf niemanden etwas angehen. In einer offenen, pluralistischen und säkularen Gesellschaft zu leben, bedeutet allen Menschen die gleichen Rechte zu gewähren - unabhängig von ihrem Lebensstil. Denn Merkmal einer liberalen Gesellschaft ist es, die Freiheit des Individuums zu wahren, unabhängig davon, wie man selber leben möchte. Niemand muss den Lebensstil anderer nachvollziehen oder verstehen können, aber alle müssen einander respektieren. Diese Vielfalt können wir nicht lernen, indem wir bestimmte Lebensentwürfe verbieten, sondern nur indem wir uns selbst immer wieder erinnern. Daher ist es unbedingt notwendig, dass mehr Vielfalt im öffentlichen Raum sichtbar wird und nicht weniger. Wir müssen uns gegen menschenfeindliche Einstellungen wie Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, Extremismus oder Sexismus stellen und uns für die Freiheit aller einsetzen. Wie schon Audrey Lorde sagte: „“I am not free while any woman is unfree, even when her shackles are very different from my own.”

FACTS ZUM KOPFTUCHVERBOT:

Kopftuch:

Laut dem Integrationspaket der Regierung ist der Staat verpflichtet, "weltanschaulich und religiös neutral aufzutreten". Und was heißt das konkret? Das will die Regierung noch diskutieren. Geplant ist, dass es ein Kopftuchverbot für Richterinnen, Polizistinnen und Staatsanwältinnen geben soll (bisher ein theoretisches Ansinnen weil es in diesen Bereichen keine Kopftuchträgerinnen gibt). Lehrerinnen sollen ausgenommen sein. Beim Kreuz als katholischem Symbol ist die Regierung mal wieder weniger klar. 

Burka:

Fix ist, dass die Vollverschleierung im öffentlichen Raum verboten wird. Diese stehe laut Regierung einer "offenen Kommunikation in einer offenen Gesellschaft" entgegen.

Was wären mögliche Konsequenzen?

Bei Nichteinhaltung gäbe es dei im Gesetz vorgesehenen Sanktionen - etwa Geldstrafen. Noch gibt es aber das Gesetz nicht. 

 

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