Über Ramadan, Foodporn und Hulk

Wenn die „Ramadan is coming“-Memes deine Facebook-Startseite überfluten, dann weißt du – die nächsten paar Wochen sieht du tagsüber nur Walking Dead Zombies und abends prunkvolle Foodporn Bilder von den Fressorgien auf Insta und Co. Hier ein kleines Ramadan 101, denn ab morgen ist es wieder soweit! 

 

 

„Stört´s dich wirklich nicht?“
Kaum packen sie ihr Essen aus, richten sich alle Blicke automatisch auf dich, weil du ja momentan fastest. Verzagte und ängstliche Blicke, schließlich wollen sie dir nicht zu nahe treten. Oder sie haben Angst, dass du ihnen das Essen aus den Händen reißt. Damit das klar ist: liebe Leute, ich habe mich unter Kontrolle! Ja, ich bin als rollendes Gourmet-Walross bekannt, aber ich reiße schon niemandem den Burger oder Burek aus der Hand. Vertraut mir, alles cool. Genießt euer Essen und nehmt noch ein paar Bissen in Erinnerung an mich.

 

„Trinken auch nicht? Nicht mal Wasser?“
„Gesund kann das im Sommer aber nicht sein!“ Ja liebe Leute, auch kein Wasser. Ob das jetzt gesund ist oder nicht, ist auch eine Streitfrage. Wichtig ist: ab dem Moment, wo es anfängt ungesund zu werden für jemanden, muss er mit dem Fasten aufhören. Ansonsten versuche ich zum Beispiel vor dem Morgengrauen mich „klug“ zu ernähren, sprich mehr wasserhaltiges Obst und Gemüse wie Melonen oder Gurken und auch genügend zu trinken.
Kleines Gedankenexperiment für euch: wären Wasser sprich Flüssigkeiten erlaubt während dem Fasten, kann ich euch garantieren, dass jeder seine Mahlzeiten in einen Smoothie verwandeln würde. Oder nur noch mehr alle mit dem Proteinshaker rumlaufen. Apropos Proteinshaker: meine Gedanken sind bei euch liebe Fitnessmenschen. Ich hoffe, ihr habt schon Ernährungs-und Trainingspläne umgestellt, damit die hart antrainierten Gains nicht flöten gehen! 

 

„Hast du schon Hunger?“
Ich bedanke mich ganz herzlich für diese Erinnerung. Denn von allen Dingen die wir besprechen könnten, wollen meine Freunde wissen, auf welchem Hunger-Level ich mich befinde. Manche, die einfach nur nerven wollen, Hassliebe-Props an euch! Und der Rest will wahrscheinlich nur präventiv vorsorgen und checken, ob ich noch kein Grumpy-Level erreicht habe. Nach einer Zeit stellt sich das Hungergefühl meist ein und ich kann mich anderen Dingen widmen. Aber früher oder später sinkt der Blutzuckerspiegel und der innere Hulk kommt zum Vorschein. Aber da strenge ich mich jedes Mal an, cool zu bleiben. Ist ja auch nicht Sinn des Fastens, da schreiend und schimpfend durch die Gegend zu rennen.

  

 

Aber Spaß mal beiseite. Im Ramadan geht es darum empathisch gegenüber Bedürftigen zu sein, um Enthaltsamkeit, aber auch um die Kontrolle unserer Bedürfnisse und Wünsche. Eigentlich ein zeitlich begrenzter Ausstieg aus der Konsumlogik unseres Alltags. Anstatt sich also den Kopf darüber zu zerbrechen, was man essen will oder dass man jetzt essen muss, investiert man die gewonnene Zeit in andere Dinge, wie zum Beispiel sich selbst. Man lernt, mehr in sich zu kehren, jede Kleinigkeit wertzuschätzen und generell einfach das Leben bewusster wahrzunehmen. Egal, ob das jetzt ein Lächeln oder eben nur ein Reiskorn ist. Großzügigkeit, Dankbarkeit und Wertschätzung sind in dieser Zeit wichtige Begriffe für die Fastenden. Denn Ramadan bedeutet nicht nur seinen Körper, sondern auch seine Seele von Ballast zu befreien. In diesem Sinne allen einen gesegneten Fastenmonat und den anderen einen angenehmen Start in den Sommer!

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FYI: Im Fastenmonat Ramadan wird für 29 oder 30 Tage lang, vom Morgengrauen (Achtung, nicht Sonnenaufgang!) bis Sonnenuntergang weder gegessen noch getrunken. Aber letzten Endes heißt Ramadan nicht nur die Enthaltsamkeit von Essen und Trinken, sondern auch die Enthaltsamkeit von schlechten Angewohnheiten, also auch auf verbaler Ebene. Ziel ist es, sein Ego und den inneren Schweinehund zu konfrontieren.
Wer sich mental und körperlich bereit und gesund fühlt kann fasten. Ausgenommen sind daher Kinder, ältere und gebrechliche Menschen, Kranke, Schwangere und Stillende. Aber auch Mädchen und Frauen, die gerade ihre Menstruation haben, sind vom Fasten ausgenommen. Die versäumten Tage können dann bis zum Anfang des nächsten Ramadans nachgeholt werden.

 

 

 

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