Wenn Missverständnisse weh tun...

Es kann so teuer werden wie schmerzhaft: Wer in Österreich die Sprache oder die Kultur nicht ganz durchdrungen hat, findet sich manchmal in höchst „unpässlichen“ Situationen wieder.


Von Bilal Albeirouti, Laila Asujeva, Aladin Nakshbandi, Sandro Nicolussi und Johanna Gudella


Deutsche Sprache, schmerzliche Sprache! Das mussten die drei Redakteure aus der biber-Flüchtlingsakademie am eigenen Leib erfahren. Denn wenngleich die meisten sprachlichen Hoppalas ohne Folgen bleiben, können manche Missverständnisse kräftig ins Auge gehen. Wobei nicht einmal nur Sprachbarrieren schuld sind, wenn plötzlich das Handy nicht mehr dir gehört oder du öffentlich beschimpft wirst, sondern auch tiefgreifende Kulturunterschiede. Lest selbst, welche Erfahrungen die Drei oder ihre Bekannten hier in Österreich gemacht haben.

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Illustration: Georg Wagenhuber


„Ich schenk dir mein Handy.“
Wenn in Syrien jemand dein Handy bewundert, ist es üblich zu antworten: „Hier, du kannst es gerne nehmen.“ Das ist aber nur Ausdruck der Freude über das Kompliment. Niemals würde das Gegenüber das Handy tatsächlich an sich nehmen. Er lehnt natürlich höflich ab. Das kann drei- bis viermal hin und her gehen, aber am Ende bleibt dein Handy immer deins. Denn jeder kennt die Spielregeln. Dass diese Regeln allerdings in Österreich unbekannt sind, hat ein syrischer Bekannter kürzlich erlebt – er ist immer noch geschockt. Denn als eine Freundin zu ihm sagte, dass sie sein neues Handy so schön findet und er aus Gewohnheit antwortete, dass sie es doch nehmen kann – nun, da tat sie es. Die Freundin hat sich das Handy einfach eingesteckt, sich bedankt und ist gegangen.


„Jaja, ziehen Sie mir ruhig den Zahn!“
Als ich ganz neu in Österreich war, habe ich mich sehr bemüht, Deutsch zu lernen. Nach vier Monaten konnte ich einfache Sätze verstehen und auch ein bisschen kommunizieren. Ich war darauf sehr stolz und habe so oft wie möglich Deutsch gesprochen. Dann war ich beim Zahnarzt. Mit der Zahnärztin habe ich selbstverständlich auch Deutsch geredet. Sie hat mich dann irgendetwas gefragt und ich habe lächelnd bejaht, obwohl ich nicht ganz verstanden habe, was sie von mir wollte. Doch was das war, spürte ich im nächsten Moment: Mein Zahn war weg! Ich habe geschrien und sie gefragt, warum sie das gemacht hat. Ihre Antwort war nur: „Ich habe Sie doch gefragt, ob ich den Zahn ziehen soll?!“ Seit diesem Tag spreche ich mit Ärzten nur noch Englisch.

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Illustration: Georg Wagenhuber


Grün ist nicht immer Pistazie
In Österreich besuchte ich das erste Mal in meinem Leben ein japanisches Restaurant. Zu meinem Essen habe ich eine kleine Platte mit grüner Paste bekommen. „Hmmm, Pistaziencreme“, dachte ich mir. Weil ich Pistazien liebe, nahm ich sofort die ganze Portion auf einmal in den Mund. Als kurz darauf mein Kopf explodierte, wurde mir schlagartig bewusst, dass es sich nicht um Pistaziencreme handeln konnte. Ich habe zunächst das ganze Wasser der Welt ausgetrunken und mich dann aufklären lassen: Aha, Wasabi also. Jetzt kenne ich mich aus und bin sehr vorsichtig, wann immer grüne Paste serviert wird.


„Ich zahl!“
In meiner Kultur ist es normal, bei einem gemeinsamen Restaurantbesuch um die Rechnung zu streiten. Meistens endet das hingebungsvolle „Ich zahle! Nein, ich zahle!“-Theater damit, dass die Rechnung irgendwie aufgeteilt wird. Also jeder einen Zehner oder Zwanziger einfach dazu gibt. Als ich allerdings mit einer Gruppe österreichischer Freunde in einem Restaurant war, wir waren zu acht, und es irgendwann Zeit wurde, die Rechnung zu verlangen, lernte ich, dass dies hier nicht so läuft. Als ich nämlich ganz nach alter Manier rief „Ich zahle!“, hatte keiner etwas dagegen einzuwenden. Im Gegenteil, alle haben sich sofort bedankt. Und Tatsache, als der Kellner kam, zeigten sie auf mich: „Er zahlt.“ Ich zückte meine Geldbörse – und leerte sie komplett. Als ich ein paar Tage später mit zwei Freunden wieder essen ging, lernte ich eine wichtige Österreich-Lektion: Hier gibt es so etwas wie getrennte Rechnungen. Das habe ich mir seither gut eingeprägt.


„Haltet den Dieb!“
In Tschetschenien ist es ganz normal, dass man älteren Menschen beim Tragen schwerer Sachen hilft, insbesondere Frauen. Das basiert nicht auf Freiwilligkeit, sondern ist eher ein gesellschaftliches „Muss“ – und es passiert ungefragt. Dementsprechend wollte mein Mann, kurz nachdem wir in Österreich ankamen, einer älteren Dame auf der Straße, die sich offensichtlich mit schweren Taschen abschleppte, helfen. Er ist selbstverständlich zu ihr hingegangen und hat ihr die Taschen abgenommen. Gerade, als er ihr erklären wollte, dass er ihr beim Tragen hilft und wo es hingehen soll, fing sie schon an zu rufen: „POLIZEI, POLIZEI!“ Mein Mann ließ die Taschen sofort stehen und hat geschaut, dass er weg kommt.


Bitten statt Betteln!
Als wir grade erst ein paar Tage im Flüchtlingslager von Traiskirchen waren, wollten wir mit den Öffis zu unserem Anwalt fahren. Übrigens gut gekleidet und schön hergerichtet. Am Bahnhof angekommen haben wir uns sehr über die Ticketautomaten gewundert – aus meiner Heimat kennen wir so etwas nicht. Wir waren sehr überfordert und wollten einen Mann, der in der Nähe stand, um Hilfe bitten. Mit dem Geld in der Hand sind wir zu ihm hin und haben ihn nett gebeten, zwei Tickets zu kaufen. Dieser fing jedoch sofort an zu schreien: „Warum sollte ich euch zwei Tickets kaufen? Das gibt es ja nicht, nur am Betteln.“ Sogar später, als er an einem anderen Bahnsteig stand, hat er noch wenig schmeichelhafte Dinge zu uns rüber geschrien. Zum Glück war eine Gruppe Schülerinnen in der Nähe, die uns geholfen haben, die Tickets zu lösen.


OP statt Pille!
Als ein syrischer Bekannter eines Tages mit richtig schlimmen Bauchschmerzen zu kämpfen hatte, ging er zu seinem Hausarzt. „Du brauchst eine Koloskopie“, sagte der ihm. Der Arzt reichte dem Freund einen Zettel, mit dem er zur Ordinationshilfe gehen sollte – der Freund dachte, es sei sicher ein Rezept für irgendein Medikament. Koloskopie klang in seinen Ohren nach Medizin. Die Dame schickte ihn jedoch ins Krankenhaus. Er ging dort hin, ohne sich groß Gedanken zu machen. Vor Ort allerdings wurde ihm langsam klar, dass der Zettel wohl doch kein Rezept für ein Medikament beinhaltete. Aber was dann? Nun, nachdem er von der Narkose aufwachte und sich auf einmal im Krankenbett wiederfand, war er entsetzlich verwirrt. Er hatte ein Blackout und begann mit der Krankenschwester und dem Arzt auf Arabisch zu sprechen. Kein deutsches Wort brachte er mehr heraus. Erst als zwei seiner Freunde ins Krankenhaus kamen, beruhigte er sich. Sie klärten das Missverständnis auf: Er hatte eine Darmspiegelung. Ach ja, seit der OP sind seine Schmerzen wie weggeblasen.

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