„Born in Evin“: Interview mit Maryam Zaree

20. Februar 2020

Im Dokumentarfilm „Born in Evin“ geht die Schauspielerin und Filmemacherin Maryam Zaree der Frage nach, wie in iranischen Familien erlebte Traumata verdrängt werden. Selbst im Foltergefängnis „Evin“ geboren, geht ihr Film dem Leid einer Generation und Schweigen in Familien auf den Grund. Ab dem 21. Februar läuft der Film im Stadtkino Wien. Am 05.03. gibt es in Kooperation mit Biber ein Special Screening mit Nachgespräch.

Born in Evin Film Maryam Zaree
Zoe Opratko

Biber: Du bist im Film „Born in Evin“ sowohl Regisseurin, als auch Protagonistin. Hat es Überwindung gekostet, dich vor der Kamera so verletzlich zu zeigen?

Maryam Zaree: Das ist die Voraussetzung für diesen Film gewesen. Er ist ein Plädoyer, sich mit dem Schmerz und der Verfolgungserfahrung der Eltern auseinanderzusetzen. Ursprünglich hatte ich vor, drei andere Kinder zu porträtieren, die im Gefängnis geboren wurden. Aber ich habe gemerkt, dass ich mich dadurch selbst verstecken wollte. Ich weiß, dass etwas an meiner Geschichte nicht persönlich war. Das Persönliche ist das Sprungbrett, um etwas zu erzählen, was eine ganze Generation betrifft. Die Elterngeneration hat eine überlebensnotwendige Stärke bewiesen und es braucht manchmal eine oder mehrere Generationen, um die Transparenz und Trauerarbeit beginnen zu lassen.

Inwiefern ist der Film zugänglich für Nicht-Iraner*innen?

Der Film lief in 30 Ländern, auch an Orten, wo es keinen Bezug zur iranischen Geschichte gibt. Aber die Übertragungsleistung, sich mit der Verdrängung in der eigenen Familie, Kultur und Gesellschaft auseinanderzusetzen, gelingt trotzdem. Ich sehe mich nicht nur als zweite Generation der iranischen Geschichte, sondern auch als dritte Generation nach dem Holocaust, weil ich in Deutschland sozialisiert wurde. Die Lektionen aus der Shoa sind für mich genauso bedeutsam.

Im Film gibt es eine Szene, in der du fürs deutsche Fernsehen eine geflüchtete Frau spielst. Sie wird von Kopf bis Fuß verschleiert und du wirst wütend über diese Darstellung. Nimmst du die Film- und Fernsehwelt als rassistisch wahr?

Diese Kostümprobe hat gezeigt, wie über Menschen gesprochen wird, die flüchten. Aber mein Film zeigt eine andere Geschichte. Rassistische Strukturen gibt es nicht nur im Film, sondern in der gesamten Gesellschaft. Es ist kein Geschenk der Mächtigen, anderen Menschen die Möglichkeit der Mitgestaltung des Systems zu geben. Es ist ein alltäglicher Kampf um Teilhabe.

Du spielst in „4Blocks“ die Frau eines arabischen Klanführers. Siehst du die Serie als Ausnahme im deutschen Fernsehen oder werden da auch wieder Klischees von Migrant*innen reproduziert?

Es gibt ein Recht auf Genre, auch auf Mafia. Aber die Serie ist Fiktion. Selbst habe ich eine kritische Haltung zu 4Blocks, weil es ein Problem ist, wenn keine People of Color im Autorenteam und in den Produktionsstrukturen vertreten sind. Es geht nicht nur darum, vor der Kamera Repräsentation zu behaupten, sondern auch dahinter für Strukturen zu sorgen. Also wer blickt auf wen und wer erzählt die Geschichten?

Lebt ihr noch iranische Traditionen in der Familie?

Wir gehen gerne alle zusammen zum Perser. Ich esse am liebsten Baghali polo. Das ist ein Kräuterreis mit Bohnen. Als ich noch Fleisch gegessen habe, auch mit geschmorter Lammhaxe. Zum Nachtisch dann Safran-Eis mit Rosenwasser. Meine Mutter deckt auch immer den Neujahrstisch für Norouz, aber mein Stiefvater geht zu Jom Kippur auch mit meiner Schwester in die Synagoge.

Wie gelingt dir die Balance zwischen den beiden Welten?

Ich habe das für mich nie als Herausforderung gesehen, sondern als gegeben. Meine Familie ist auf der ganzen Welt verstreut. Da gibt es das jüdische Erbe meines Stiefvaters oder meine Tante in Frankreich. Die Idee der Herkunft als nationales Prinzip habe ich als reines Konstrukt erlebt. Ich habe mich immer schon in der Welt zuhause gefühlt.

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