Caner Alper & Mehmet Binay über Schubladen, Tomaten und Filmerei

13. Oktober 2015

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Drawers
Foto: Drawers by C. Alper und M. Binay
Mein Lieblingsfilmfestival LET'S CEE  ist nun vorbei und was bleibt sind schöne Erinnerungen an sehr gute Filme und meine Randnotizen aus vielen guten Gesprächsrunden mit Filmschaffenden. Unter anderem auch mit dem Duo Caner Alper und Mehmet Binay. Die beiden Regisseure von Drawers hatten auf jeden Fall vieles zu erzählen. Auch der Film weiß einiges zu erzählen mit all seiner Farbpracht und in-your-face-Haltung.

biber: Der Film ist wirklich sehr düster und farbenfroh in einem. Was wolltet ihr damit erreichen?

Caner Alper: Ja, das stimmt, der Film hat intensive „lustige“ Farben, ist jedoch gar kein lustiger Film. Einige Filmschaffende finden das auch sehr unpassend. Matte, weniger strahlende Farben finden sie passender für derartige Angelegenheiten. Wir aber ziehen es vor,  bittere Pille in Zucker zu tunken. So denkt der Mensch, er lutscht an einem Bonbon und bemerkt erst nach einer Zeit, dass es eine bittere Angelegenheit wird.

biber: Welche Message wollt ihr damit verabreichen?

Caner Alper: Der Subtext ist: Trau dich! Habe keine Angst dich zu öffnen, zu erzählen, dich mitzuteilen. Vermeide Stillschweigen. Teile dich früh genug mit, damit kein Trauma entsteht. Eine Lösung ist nur dann möglich, wenn man über Probleme spricht. Aber Menschen sind nun mal dunkle Gestalten. Wir haben alle verschlossene Schubladen. Diese zu öffnen ist schwierig. Wir haben alle Komplexe und Ängste. Aber anstatt sie in Schubladen zu verschließen, ist es ratsam, die Schubladen von Zeit zu Zeit zu lüften. Wir müssen als Gesellschaft mehr reden!

biber: Denkt ihr, dass wir das schaffen können? (Anm: Als Gesellschaft mehr reden)

Drawers
Foto: Drawers by C. Alper und M. Binay
Caner Alper: Lass mich das so erklären: In der Türkei wird eines von drei Mädchen sexuell missbraucht. Wir haben noch nicht mal eine klare Definition davon, was genau sexueller Missbrauch bedeutet. Was fällt darunter? Zählt es als sexueller Missbrauch, wenn der Ehemann deiner Nachbarin dein Kind auf den Schoss nimmt oder ist das einfach nur eine liebevolle Geste?

Mehmet Binay: Aus rechtlicher Sicht ergibt sich daraus ein großer Interpretationsspielraum. Das bedeutet gleichzeitig, dass Opfer von sexuellem Missbrauch de facto schutzlos ihren Tätern gegenüberstehen. Hier in Europa gibt es gewisse Definitionen und Rahmen, die vom Staat abgesteckt werden. In der Türkei sind Kinder viel mehr auf die Initiative der Familie, der Gesellschaft angewiesen. In Europa kann der Staat eingreifen, wenn die Eltern ihren Pflichten nicht nachkommen.

Caner Alper: Man muss natürlich auch bedenken, dass es in der Türkei auch viele Eltern gibt, die selbst nicht wissen, was Recht und was Unrecht ist. Sie kennen gewisse Dinge gar nicht anders und zwingen Kindern auch dieses Unwissen auf. Diese Unbildung zu überwinden, wird uns sicherlich viel Kraft und Zeit kosten.

biber: Welche Rolle spielt das Fernsehen bei diesem Aufklärungsprozess? Können TV-Shows dabei helfen, Menschen aufzuklären?

Mehmet Binay: Auf jeden Fall. Aber dafür bedarf es ebenfalls eines bewussten Zugangs. Das Fernsehen ist ein Spaß- und gleichzeitig ein Bildungsinstrument. Es gibt immer weniger Menschen, die Bücher oder Zeitungen lesen. Daher wäre es auf jeden Fall ein wichtiges Instrument.

Drawers
Foto: Drawers by C. Alper und M. Binay
biber: Wie wichtig sind Festivals wie LETS CEE?

Mehmet Binay: Sehr wichtig. Vor allem für jene, die ohnehin wenig Werbebudget haben.

biber: Wie sind die Besucherzahlen aus eurer Sicht?

Caner Alper: Ich finde sie gut. Mit unserem ersten Film ZENNE haben wir weltweit in ausverkauften Sälen gespielt. Drawers ist etwas anders. Zenne hat für sich selbst sehr gut geworben durch die vielen Auszeichnungen. Drawers jedoch ist etwas unscheinbar, unerwartet, aber aus der Kino-Perspektive ein völlig befriedigender Film.

biber: Wieso heißt der Film eigentlich „Drawers“?

Mehmet Binay: Im Film gibt es die Analyse dazu vom Psychiater. Er erklärt, dass wir alle Schubladen besitzen und wie bestimmend diese sind. Es gibt unterschiedliche Schubladen wie: Liebe, Beruf, Familie, Sexualität, Bildung. Im Laufe der Zeit befüllen wir diese Schubladen, manche bleiben eben auf der Strecke. Die Leerbleibenden holen uns mit der Zeit dann ein.

Caner Alper: Auch steht Drawers im Englischen für „Schubladen“ und gleichzeitig auch für Unterwäsche. Bis zum 18. Jahrhundert wusste man nichts über das Innenleben der Frauen. Sie durften nicht schreiben bzw. publizieren. Erst mit dem 19. Jahrhundert konnte man aufgrund von Briefen oder Tagebüchern mehr Einblick in die Denk- und Gefühlswelt der Frauen gewonnen. Bis dahin wurden diese Briefe und Tagebücher in Schubladen versteckt, so auch Unterwäsche. Im Film geht es um einen obsessiven Vater, der ständig die Unterwäsche seiner Tochter kontrolliert und ihren Texten keinerlei Beachtung schenkt. Daher der Titel.

biber: Sind alle Szenen im Film durchdacht gewesen? Zum Beispiel hat Deniz (Hauptrolle) in verschiedenen Szenen immer an Tomaten gerochen.

Caner Alper: Bei der Filmerei wird nichts dem Zufall überlassen. Die Tomaten wurden sogar extra für den Dreh angebaut. Die unterschiedlichen Größen und Formungen – alles wird von der künstlerischen Leitung geplant und umgesetzt.

Mehmet Binay: Auch wenn Filme eine natürliche Ästhetik anmuten, so ist doch feine Konstruktionsarbeit und ein sehr gutes Projektmanagement dahinter.

biber: Denkt ihr, dass man Drawers jemals auf gängigen türkischen Fernsehsendern wie Kanal D, StarTV, etc. sehen wird können?

Drawers
Foto: Drawers by C. Alper und M. Binay

Mehmet Binay: Nein. Also zwischen 00:00 und 05:00 Uhr darf er prinzipiell gezeigt werden. Ist aber keine sehr sinnvolle Zeit, um den Film zu spielen.

Caner Alper: Drawers bedient wohl kaum den kommerziellen Zweck dieser gängigen Sender.

biber: Welches Wort beschreibt Caner Alper & Mehmet Binay–Filme?

Caner Alper: Brutalität. Sie sind brutal - wie das Leben selbst.

biber: Tatsächlich so hart wie das wahre Leben, oder doch etwas härter?

Caner Alper (lacht): Ich wünschte, wir könnten die wahre Brutalität tatsächlich einfangen.

biber: Ihr wart ja bereits vor 3 Jahren in Wien. Wie gefällt euch die Stadt?

Mehmet Binay: Ich war sogar vor 30 Jahren das allererste Mal  hier. Ich wollte Deutsch lernen. Damals war sie noch keine mitteleuropäische Stadt – die Anbindung zu Osteuropa fehlte. Mittlerweile ist sie zu einer multikulturellen Stadt erblüht. Damals wurde auf der Straße wirklich fast nur Deutsch gesprochen, heute kann man sehr viele unterschiedliche Sprachen vernehmen. Wien ist zu einer Weltstadt herangewachsen. Es ist eine schöne Stadt mit vielen tollen Menschen und gleichzeitig ein sehr schönes Tor, das sich in den Osten öffnet.

 

Den Trailer zum Film gibt es hier.

 

 

 

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