„Deutschland, umarme mich.“

25. Februar 2020

Biber-Autorin Elena Bavandpoori ist gebürtige Kölnerin. Ihre Eltern kommen aus dem Iran. Der rechte Terroranschlag in Hanau trifft sie als Deutsche mit Migrationshintergrund tief. Ein Kommentar für das Lautsein.

Hanau Shisha Rassismus rechter Terror

Das Gluckern der Shisha wirft mich zurück in das Haus meines Onkels. Erstaunt sitze ich ihm als Zehnjährige gegenüber. Wir sitzen auf dem Teppich und spielen Karten. Es riecht nach Apfel. Mein Onkel schiebt die glühende Kohle auf dem Shishakopf gekonnt hin und her. Die Shisha ist in meinen zehnjährigen Augen pure Ästhetik. Das Kartenspiel mit meinem Onkeln pure Freude. Acht Jahre später sitze ich mit Freund*innen in einer Shishabar in Deutschland. Ich rauche nicht, gibt mir Kopfschmerzen. Es ist das Gefühl in Shishalokalen, das meine Erinnerung an das Kartenspiel wiederbelebt. Ein Zufluchtsort in einem dysfunktionalen System, in dem Schwarzköpfe an den Clubtüren abgewiesen werden.

In der Nische findet sich die kleine Oase, der Schutzraum. Dieser Trugschluss findet vergangene Woche sein Ende. Eine sanfte Erinnerung verwandelt sich in unerträglichen Schmerz. Ich muss die Shisha nicht mehr rauchen, um Kopfschmerzen zu bekommen. Das Wissen um den rechten Terroranschlag in Hanau genügt. Es gibt endgültig keine Blaupause mehr von Diskriminierung, Rassismus und rechtem Terror. Mit dem rassistischen Terroranschlag von Hanau wurde gewaltsam in die Privatsphäre all jener eingegriffen, die nicht-weiße Deutsche sind, die einen Migrationshintergrund haben, die schon einmal in ihrem Leben auf Alltagsrassismus gestoßen sind.

Es ist nicht die Angst, die mich packt. Es ist die Wut. Die Wut, meine Herkunft nicht als Verbrechen sehen zu wollen. Die Wut, mich überhaupt weiterhin an Orte flüchten zu müssen, an denen ich sicher bin. Lange schon zweifle ich an der Integrität Deutschlands.  Oft denke ich, das Fluchtverhalten meiner Eltern fortzuführen, die aus einem politisch erdrückenden Land flohen. Meinen deutschen Pass mit seinen Vorzügen des Reisens zu melken.  Fliehe ich jetzt aus dieser Unerträglichkeit oder gehe ich in den schmerzhaften Widerstand? Aber die Forderung nach Gerechtigkeit meldet sich immer wieder in mir. Einfach zu gehen, wäre verräterisch. Wenn es für Menschen mit Migrationshintergrund, für Nicht-Weiße, für Migrant*innen und für Geflüchtete keinen sicheren Ort hier gibt, dann muss ich das Megafon in die Hand nehmen und schreien, bis ich gehört werde. Der Terror in Hanau überschreitet seine Stadtgrenzen, breitet sich parasitenähnlich aus, schleicht sich in unsere Häuser und lässt auch in anliegenden Ländern seine Nachbeben wirken. Das ist kein Hilferuf, das ist eine Kampfansage.

Eine Ansage gegen das Verstummen, gegen die linguistische Verklärung von Rassismus und Mord, gegen die Tränen, die mir in die Augen steigen, wenn ein unscheinbar aussehender Mann im Bus „Heil Hitler“ schreit und aussteigt. Wir brauchen keine Tränen, keine leeren Worte und netten Rituale – wir brauchen einen dringend nötigen Aufstand, politisches Handeln und wahrhaftige Solidarität. So ein verunreinigtes Wort: Solidarität. Meine Gedanken kreisen um nichts anderes mehr. Es ist wichtig, dass sich Menschen nicht einschüchtern lassen, dass sie weiterleben, dass sie ihrer Kreativität an Karneval freien Lauf lassen. Aber das ist Luxus. Dieses Privileg habe ich nicht. Menschen, die sich mit den Opfern von Hanau identifizieren, haben dieses Privileg nicht. Allen voran haben es die Opfer und ihre Angehörigen nicht. Und ich frage mich: Wer steht für sie ein? Wer nimmt ihnen das Leid? Wer hört ihre Geschichten und lässt sie zu Wort kommen? Oder noch viel simpler: Wer fragt, wie es ihnen geht? Wer fragt, wer sie überhaupt sind?

Deutschland gab mir die Macht der Sprache, Bildung und wirtschaftliche Stabilität. Aber nicht die Macht der nüchternen Analyse oder Selbstbeherrschung – denn auch das Privileg habe ich nicht. Da es mich betrifft, kann ich nicht objektiv sein, ich will auch es nicht. Oft fühle ich mich in meinem eigenen Land wie ein geduldetes Adoptivkind, das schief beäugt wird. Aber wenn schon mein stilles Sein ein Ermordungsgrund sein kann, dann ist es egal, wie laut ich werde, ich bleibe eine Zielscheibe. Ich bin Deutsche. So schwer ich mich damit tue, weil mir das Gefühl der Zugehörigkeit genommen wurde, ich bin Deutsche. Und mein kindlicher Wunsch wird mehr und mehr zur erbitterten Forderung: Deutschland, umarme mich.

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