Die flotte Oma Lotte

10. Dezember 2019

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Oma, Lotte
Vier von fünf Kindern

Mit 88 Jahren bringt Oma Charlotte viel Lebenserfahrung mit und hat immer eine lustige Geschichte auf Lager. Obwohl sie diese vielleicht schon zum hundertsten Mal erzählt, zaubert sie damit allen Familienmitgliedern und Bekannten ein Lächeln ins Gesicht. Ihre zahlreichen Schicksalsschläge haben sie zu der Powerfrau gemacht, die den ganzen Familienclan zusammenhält.

Während die meisten noch schlafen oder zumindest in ihrem Morgengrant schwelgen, steht Charlotte auf. Jeden Tag um 5:45 Uhr. Die heilige Messe beginnt nämlich um 7 Uhr morgens, Sonntag ausgenommen. Die meisten PensionistInnen in diesem Alter bringt nichts mehr auf die Beine, Charlotte hingegen schnappt sich ihren Rollator und verlässt schnurstracks das Pensionistenheim. Oft vertratscht sie sich am Gang mit ihren Nachbarinnen – die Messe würde sie dennoch niemals auslassen. Der Pfarrer schätzt ihre ständige Anwesenheit. Vor allem, weil sie ihn regelmäßig mit Kuchen versorgt. Mehrmals erklärte er ihr, dass er auf Diät wäre. Ausreden zwecklos! Wem solle Oma Charlotte sonst ihren berüchtigten Rührkuchen backen? Sie nimmt es sehr persönlich, wenn ihre Backkunst nicht wertgeschätzt wird. Unter ihren (Schwieger)Kindern und EnkelInnen befinden sich mittlerweile einige Ernährungsformen, die Charlotte auch nach mehrmaliger Erklärung nicht versteht. Vegan oder glutenfrei? Kommt nicht in Frage. Aber Wasser ist vegan, das weiß sie. Außerdem gilt das Motto jedes Kriegskindes: „Gegessen wird, was auf den Tisch kommt.“ Auch, wenn das für die Familie bedeutet, dass jede Woche ein ganzer Kuchen zu bewerkstelligen ist.

„Gegessen wird, was auf den Tisch kommt“

Bei der Frage nach ihrem Lieblingsessen muss sie lange überlegen. Sie schätzt die Vielfalt der Kulinarik, die Österreich heute zu bieten hat. Im Krieg gab es nicht so viel Auswahl, daher stammt wohl auch ihre Abneigung gegen Milchreis. Ob beim Griechen oder Italiener, Charlotte entscheidet sich jedes Mal für Calamari. Das bezeichnet sie auch als ihr Lieblingsgericht.

Das Leben der 88-Jährigen war aber nicht immer so ausgelassen und heiter. So wie die meisten österreichischen PensionistInnen musste sie als Kind und Jugendliche den Krieg miterleben. Sie erinnert sich noch gut an die Kampfflugzeuge am Himmel, die aussahen wie lauter kleine schwarze Sterne. Tagsüber sorgte ihre Familie dafür, dass die Fenster immer abgedunkelt wurden und somit nicht lichtdurchlässig waren. Häuser, in denen Angreifer Licht bemerkten, wurden bombardiert. Schlechtwetter war ein Segen, denn dann blieben die Flugzeuge sicherheitshalber am Boden.

Was unternahmen junge Menschen damals in ihrer Freizeit? Charlotte wuchs als Einzelkind in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im Mostviertel auf. Ihr Vater war Volksschuldirektor, für sie stand von klein auf fest: Sie würde auch Lehrerin werden. Deshalb las sie etliche Bücher und schrieb stundenlang auf Papier. Viel Freizeit hatten Kinder in der Kriegszeit allerdings nicht – das Überleben war wichtiger als das Erleben. Ihr Vater wurde als Soldat eingesetzt, deshalb mussten sie umziehen. Ab diesem Zeitpunkt bestand das Leben der Kleinfamilie fast nur noch aus Warten. Das Warten auf den nächsten Brief ihres Vaters und auf seine Rückkehr. In der Zwischenzeit begann Charlotte eine Ausbildung zur Grundschulpädagogin, die sie erfolgreich absolvierte und nach welcher sie ihren zukünftigen Ehemann kennenlernte und heiratete. Einen Wiener Diplomingenieur.

Stoffwindel-Chaos

Nur wenige Jahre später folgte ein Kind nach dem anderen, insgesamt fünf. Das jüngste Kind litt an einer geistigen Behinderung und benötigte umso mehr Aufmerksamkeit und Betreuung. Fünf Kinder sind auch heute noch eine beträchtliche Anzahl, damals bedeutete dies: Stoffwindeln händisch waschen. Eine Windel hatte zwei bis drei Lagen Stoff, bei mehrmaligem Windelwechseln pro Tag und Kind stiegen die Wäscheberge ins Unermessliche. Ihr Ehemann half dabei, diese in einem riesigen Behälter zu waschen. Charlotte erinnert sich an eine Geschichte, in der sie mühselig Windeln wusch und von ihrem jüngsten Sohn „Unterstützung“ erhielt: Das Waschen und Auswinden der nassen Stoffwindeln war ein enormer Kraftakt. Als sie endlich alle fertig gewaschen hatte, streute der Jüngste erneut Waschmittel auf die frischen und noch nassen Windeln. Die ganze Prozedur musste wiederholt werden, während vier Kleinkinder um Aufmerksamkeit bettelten. „Ich hätte echt weinen können. Aber ich konnte ihm nicht böse sein. Er war so froh, mir helfen zu dürfen“, erzählt sie mit einem müden Lächeln. Als Hausfrau und später auch alleinerziehende Mutter stellte sich für Charlotte nie die Frage, ob sie gerne ihren Hobbies nachgegangen wäre. Frauen und Männer erhielten in den 50ern eine klar definierte Rolle: Väter als Alleinverdiener und Mütter als Hausfrauen.

Oma, Lotte
Vier von fünf Kindern

Wenn Charlotte mit ihren fünf Kindern das Haus verließ, wurde sie sehr oft gefragt, ob sie nun auch die Nachbarskinder betreue. Ganz stolz entgegnete sie, dass dies alles ihre eigenen Kinder wären. Während sie mir davon erzählt, strahlt sie über das ganze Gesicht.

Reihe an Schicksalsschlägen

Als ihr Mann mit nur 49 Jahren an Krebs verstarb, musste sie in ihren Lehrberuf zurückkehren und gleichzeitig fünf Kinder erziehen. Eine unvorstellbare Dauerbelastung, zu der auch noch eine chronische psychische Erkrankung des ältesten Sohnes hinzukam. Zwei Kinder verlor sie wenige Jahre nach dem Tod ihres Mannes. Die Jüngste wurde nur zehn Jahre alt.

Dennoch hat Charlotte nie ihren Lebensmut verloren. Sie sorgte dafür, dass ihre Kinder all ihren Begabungen – vor allem der Musik - nachgingen. Das Resultat lässt sich sehen: Die älteste Tochter wurde Pianistin und Musikpädagogin, ihre Söhne studierten Cembalo und Medizin.

„Ned scho wieder die selbe Gschicht“

Heute erzählt sie sehr gerne immer wieder dieselben Anekdoten aus ihrem Leben. Wenn Oma Charlotte zu sprechen beginnt, werden alle still. Aber nur solange, bis die jüngsten der Familie in schallendes Gelächter ausbrechen, während Charlottes Kinder die Augen rollen. „Ned scho wieder die selbe Gschicht, die hast schon so oft erzählt“, ruft ihr Sohn dazwischen. Wenn Charlotte loslegt, wird jeder noch so langweilige Anlass zum Kabarett. Aber wehe, jemand unterbricht sie in ihrer Euphorie. Dann bekommen alle Beteiligten zu spüren, wie viel Kraft in einer fast 90-Jährigen stecken kann, wenn sie kräftig auf den Tisch schlägt. 

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