Die Rassistenkeule!

13. Juni 2018

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Foto: Alcappuccino on Pixabay

Der Spruch „Sie sind nicht in Bosnien“ ist xenophobisch. Schlimm genug. Rassistisch ist aber was anderes.


Vorgestern hörte ich mit halbem Ohr während der Arbeit in der Biber-Redaktion der Nationalratssitzung zu. Irgendwann trat eine Frau vor das Mikrofon. Ich wurde hellhörig. Denn sie klang wie ich. Nicht in der Ausdrucksweise. Nein, das würde ich mir nicht anmaßen. Der Akzent, du hörst es sofort. Frau Zadić, Abgeordnete der Liste Pilz, stand vorm Mikro. Sie fing an, über das BVT zu reden. Aus den Reihen der Mandatare kamen Zwischenrufe: „Sie sind nicht in Bosnien.“ Sie konterte geschickt. Es folgte ein anderes „Alma, bei mir bist du sicher“. Schon wieder diese fremdenfeindlichen und sexistischen alten Typen, die junge Frauen anfahren, dachte ich mir und maß dem keinen weiteren Wert bei. Frau Zadić hat ihre Sache fortgesetzt. Damit war die Geschichte für mich beendet. Bis am Abend und am nächsten Tag ein medialer Aufschrei in Österreich um sich griff und ein Wort mich besonders traf. Rassismus.

Fremdenhass; Rassismus, Zadic,
Swen Pförtner / dpa / picturedesk.com

Ich? Ein Opfer von Rassismus?

Kann das wirklich Rassismus gewesen sein? Ist Rassismus das richtige Wort? Denn wenn „Sie sind nicht in Bosnien“ als rassistische Rhetorik gilt, dann habe ich nämlich auch das eine oder andere Mal Rassismus erlebt oder miterlebt. Aber darf ich Rassismus für mich beanspruchen? Ich? Ein weißer Mann? Geboren hier in Wien, umgeben von Weißen. Sind meine „Tschuschen“-Geschichten und die nervigen „Von wo kommst du“-Fragen vergleichbar mit dem, was „People of Color“ jeden Tag erleben? Das Mädchen, das eine Perücke trägt, weil ihre Afrohaare nicht dem europäisch-geprägten Schönheitsideal entsprechen. Die dunkelhäutigen Jungs, denen immer mit misstrauischen Blicken in der U-Bahn begegnet wird: Das ist Rassismus, weil die Personen auf willkürliche äußerliche Merkmale reduziert werden. Mein Aussehen hingegen wurde noch nie politisiert. Mein Farbton machte mich noch nie zur Zielscheibe für verstärkte Sicherheitsmaßnahmen. Ohne den Mund aufzumachen wurde ich auch noch nie als Terrorist oder Zigeuner abgestempelt. Meine äußeren Merkmale waren noch nie Grund dafür, dass mir privat-institutionelle und staatliche Gebäude unzugänglich waren. Aufgrund meiner Hautfarbe wurde noch nie ein Urteil über meine Person gebildet.  Nein, Rassismus kenne ich nicht.

Unterschiedliche Probleme verlangen unterschiedliche Lösungen.

Die Rassistenkeule ist das sozioökonomische Equivalent von “Antibiotika für alles“. Der inflationäre Gebrauch von Reizwörtern wie Rassismus polarisiert die Gesellschaft und führt nur zum Unverständnis zwischen den Lagern. Die Unterscheidung soll Fremdenfeindlichkeit nicht verharmlosen, sondern zum Zentrum der Lösung machen. Es benötigt ein klares Ansprechen von Missständen, ohne sie aufzubauschen und Beteiligte zu verteufeln. So können alle Parteien in die Pflicht genommen werden und auf das Problem im Nationalrat eingehen – das Problem von weißen, älteren, etablierten Männern, die junge, erfolgreiche und kosmopolitische Frauen herabwürdigend behandeln.

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