Wende in Bosnien? Zu früh gefreut!

26. November 2020

 

Erst neulich gab es in Sarajevo erfreuliche Lokalwahl-Ergebnisse, die Hoffnung auf den Bruch von nationalistischen Parteien machten. Doch in Banja Luka wurde nun ein neuer Bürgermeister gewählt, der mit seinen Aussagen wieder Salz in die Wunden der bosniakischen Gesellschaft streut.

 

Erst letzte Woche kam ein Blog von meinem Kollegen Amar Rajkovic online, in dem er sich über die kürzlich verkündeten Wahlergebnisse in Sarajevo freute. Dort bekam diesmal kein muslimischer Bosniake die meisten Stimmen, sondern ein serbisch stämmiger Bosnier. Ein politischer Lichtblick an den sonst so ethno-nationalistischen Fronten in Bosnien? Denkbar. Zumindest für einen kurzen Moment. Denn am 15. November fanden ebenfalls Lokalwahlen statt, nämlich in der überwiegend serbischen Stadt Banja Luka. Drasko Stanivukovic (27) wurde als jüngster Kandidat überhaupt zum Bürgermeister von Banja Luka gewählt und löst damit den extrem korrupten, nationalistischen Milorad Dodik ab. Er ist Mitglied der PDP (Partija demokratskog progresa) und fand vor allem wegen seinem Engagement gegen Korruption und für die Aufklärung des Mordes an dem Studenten David Dragicevic großen Anklang bei den Wählern.

 

Stanivukovic
Twitter

Auf dem Bild: Stanivukovic (mitte), der mit zwei Cetniks posiert. Auf der Flagge steht: S verom i boga, sloboda ili smrt. (Mit Glauben und Gott, Freiheit oder Tod)

 

Jung, erfolgreich, Nationalist

Jetzt könnte man sagen: Wow, cool. Endlich ein junger Politiker, der nah am Volk ist und Gutes bewirken will. Total selbstlos gab er bekannt, er selbst wolle sein Gehalt kürzen und somit Gelder sparen. Auf den ersten Blick, ja. Auf den zweiten Blick leider überhaupt nicht cool: Stanivukovic relativierte nämlich in einem Interview den Genozid in Srebrenica, den größten Völkermord nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Außerdem antwortete er auf die Frage, ob er das Urteil des Den Haager Gerichtes im Fall von Karadzic und Mladic anerkennen würde: „Ich erkenne nichts von alle dem an, das Gerichtsurteil in Den Haag hat meinem Volk einen großen politischen Schaden zugefügt. Das ist für mich Schnee von gestern“. Bei solchen Aussagen wundert es nicht, dass er sich auf Fotos auch Mal gerne mit Cetniks abbilden lässt.

Wir haben uns wohl zu früh über eine Wende in Bosnien und Herzegowina gefreut.

 

Quellen:

Interview mit Stanivukovic auf Serbisch:

https://www.6yka.com/novosti/stanivukovic-ne-priznajem-nista-od-haskog-suda-to-je-za-mene-cica-mica-gotova-prica?fbclid=IwAR1wXWcn7MgySjJ07n0G6mdyDkMxWbuqY_of3M3kKny2pFpDWxxAu5SxCHY

 

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