„Wir hatten schon Bücher, die voller schwarzer Linien retour geschickt wurden.“

28. Februar 2019

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Amahl Khouri im Interview
(C) Soza Almohammad

Am 1. März 2019 steigt die Uraufführung von Amahl Khouris Stück „SHE HE ME“ im Wiener Kosmos Theater. Wir trafen uns vorab mit dem*r jordanischen Autor*in und sprachen über die Entstehung des queeren Stücks.

 

Interview: Nada El-Azar

 

 

BIBER: SHE HE ME wurde zuvor in München als szenische Lesung aufgeführt. Wie kam es als Theaterstück auf die Bühne nach Wien?

 

Amahl Khouri: Ich habe den Text zum Stück adaptiert, um mich in Deutschland für einen Theaterpreis für Deutsche mit Migrationshintergrund zu bewerben. Damals sagte man mir jedoch, dass man das Stück nicht zulassen konnte, da es auf Englisch geschrieben war. Viele Monate später gab jemand aus der Jury das Stück dem Kosmos Theater, und benachrichtigte mich, dass man es in Wien produzieren wolle. Meine Mutter ist zwar Deutsche, aber ich wuchs im Nahen Osten auf und lerne erst seit ein paar Jahren Deutsch, da sie uns die Sprache nicht beibrachte.

 

Das halbdokumentarische Stück entstand ausgehend von Gesprächen, die Sie mit trans*-, inter*- und homosexuellen Menschen im arabischen Raum geführt haben. Wie begann dieser Entstehungsprozess?

 

Im Grunde genommen habe ich das Stück geschaffen, das ich auf der Bühne sehen wollte. Weil es keine Produktionen gegeben hat, die mich als queere Person, aus einer marginalisierten gesellschaftlichen Gruppe, angesprochen hatten. Ich habe zur Entstehungszeit als Journalistin gearbeitet und hatte die Idee, eine Dokumentation zu machen. Ich begann meine Freunde aus der Community zu interviewen. Aus insgesamt 14 Interviews wählte ich drei Schicksale aus, die nun im Stück von den Figuren Randa, Omar und Rok verkörpert werden.

 

 

Wie lebte es sich als queere Person in Beirut, der Hauptstadt des Libanon? Gibt es viel Gewalt?

 

Meine Freunde und ich hatten eine gute Zeit und viele Partys. Aber natürlich war es auch sehr hart, da die arabische Gesellschaft immer noch sehr familienbezogen ist. Hier in Europa ist man ein Individuum, aber dort ist man es nicht – das ist der größte Unterschied. Alles, was du tust, wirkt sich auf das Ansehen deiner Familie aus. Viele Menschen konnten also nach außen hin nicht Teil der Community sein. Ich habe offen als queere Frau in Beirut gelebt – aber Frauen sind dort nicht wichtig. Lesben deshalb sogar noch weniger. Zumindest wurde ich von der Polizei in Ruhe gelassen, aber dafür hat mich dann der Taxifahrer gefragt, ob ich ein Mann oder eine Frau sei, und ähnliche verstörende Situationen in der Öffentlichkeit. Aber dieselben Probleme hatte ich teilweise auch in Berlin, wo ich jetzt lebe. Aber vieles ändert sich jetzt, da es wirklich großartige Aktivisten gibt.

 

 

Was sind die jüngsten Entwicklungen für die queere Community in Beirut?

 

Immer mehr trans*Menschen machen ihr Coming-out und lassen ihre offiziellen Dokumente ändern, das Rechtssystem wird angepasst. Aktivisten klären die Gesellschaft über diese sensiblen Themen auf und arbeiten an der richtigen Terminologie im Arabischen, damit queere Menschen in den Medien und Büchern nicht beleidigt werden. Zudem gibt es etwa auch Organisationen, die sich um queere Gesundheit und körperliche Freiheit kümmern. Das alles gab es nicht, als ich jung war und dort studierte.

 

 

Welche Aspekte waren Ihnen besonders wichtig bei der Produktion des Stücks? Nach welchen Gesichtspunkten wurden die Darsteller gecastet?

 

Ich wollte unbedingt People of Color (PoC) in dem Stück haben, was eigentlich ziemlich schwer war. Der erste engagierte Regisseur sagte während der Castingphase Dinge wie „Okay, wir können PoC nehmen, aber sie müssen auch talentiert sein!“. Das fand ich nicht in Ordnung. Nun sind bei der Regie Paul Spittler und ich beim Cast übereingekommen und ich bin sehr zufrieden!

 

 

Ist es denn so schwer, eben nicht-weiße Darstellerinnen und Darsteller für die Rollen zu finden?

 

Das ist es nicht! Der Theaterbetrieb ist rassistisch. Ich meine natürlich nicht das Kosmos Theater, sondern, dass das Theater im deutschsprachigen Raum von patriarchalen und rassistischen Strukturen geprägt ist. Ich sehe es daher als meine Aufgabe, so sehr ich kann diese Menschen in meinen Produktionen mitwirken zu lassen. Wir haben keine trans*-Frau für das Stück gefunden, aber jemanden, der körperliche Erfahrungen mit Hormonen hatte. Ich bin mit dem Team hier so glücklich, ich hätte mir kein besseres wünschen können.

 

 

Was wissen Menschen außerhalb des Theaterbetriebs nicht über die Arbeitsprozesse in der Produktion?

Ich komme aus einem Land, in dem es keine Förderung und kaum Infrastruktur für Theater gibt. So viele Eltern lassen ihre Kinder nicht zum Theater gehen, weil sie nichts darüber wissen. Die denken, dass Frauen, die Theater spielen, so etwas wie Prostituierte sind und bis in die Nacht mit Männern rumhängen. Ich habe all diese Probleme mit meinem Vater und der Gesellschaft gehabt. Wir reden hier über die Neunziger in Beirut, es gab keinen Zugang zu Informationen über das Theater. Das war eine echte Hürde. Hier in Europa existieren Strukturen für alles.

Amahl Khouri im Interview
"Ich habe offen als queere Frau in Beirut gelebt – aber Frauen sind dort nicht wichtig. Lesben deshalb sogar noch weniger." (C)Soza Almohammad

 

Wie haben Sie sich in der Theaterszene im Libanon durchgeschlagen?

 

Dort machen die Menschen Theater im Guerilla-Stil. Auch ich musste das Set aus meiner eigenen Tasche bezahlen, der Strom geht mitten in der Aufführung aus… man muss seine Drehbücher zur Zensur schicken! Wie hätte ich ein Stück über trans*-Menschen im Libanon zur Zensur schicken können, wo ein Mann ohne Bildung einfach alle Passagen streicht, die er nicht haben möchte? Wir hatten schon Bücher, die voller schwarzer Linien retour geschickt wurden.

 

 

Worauf sind Sie rückblickend besonders stolz, so kurz vor der Premiere von SHE HE ME?

Es hat mich 20 Jahre gekostet, mein Coming-out zu machen, ich hatte viele Jobs, ich überwand eine Krankheit, und die Zensur… alles fühlte sich so an, als ob ich einen schweren Kampf hinter mir gelassen hätte, als ich – vor Berlin noch – zuerst nach München zog. Aber dort sah ich mich plötzlich mit dem Problem konfrontiert, eine Ausländerin zu sein. Und es begann ein völlig neuer Kampf, der jetzt mit der Premiere auch gewonnen ist. Wie gesagt, ich habe das Stück aus Eigennützigkeit gemacht, und nicht, um Cisgender*-Menschen zu belehren.
 

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit der Premiere!

 

*als Cisgender (auch Zisgender) werden Menschen bezeichnet, bei denen die Geschlechtsidentität mit dem Geburtsgeschlecht übereinstimmt.

 

Mehr Informationen unter:

https://www.kosmostheater.at

 

 

 

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