Das Schwarze Wien

02. Juli 2020

Abseits der „Black Lives Matter“-Proteste bestreitet Wiens Schwarze Community größtenteils unbemerkt ihren Alltag. Damit ist jetzt Schluss! Die Journalistin Lisa-Marie Idowu zeigt biber ihr Schwarzes Wien.


Fotos: Zoe Opratko

Black Vienna Church
Foto: Zoe Opratko

AFRIKANISCHER GOTTESDIENST

Religion und die Schwarze Kultur sind stark miteinander verwoben. Der starke Glaube eint und beflügelt. Messen lassen kein langweiliges Stöhnen in der Community ertönen, sondern sind das spirituelle und gesellschaftliche Highlight der Woche. Denn hier werden nicht monotone Sprechchöre gehalten, sondern gesungen, getanzt und gefeiert. Aber auch der Zusammenhalt ist sehr stark – man versucht einander zu unterstützen und die Community zu stärken. Reverend Nganga John Njenga ist Priester der englischsprachigen, afrikanischen und katholischen Gemeinde und hält für die Community Messen ab. Er ist nicht nur ein gläubiger, sondern auch geduldiger Mensch: „Das Motto unserer Messen ist ‚We don’t have the watches, we have the time.‘ Wir lassen den Priestern für ihre Predigten Zeit. Wir schauen nicht auf die Uhr und warten darauf, dass der Gottesdienst bald vorbei ist. Denn wir wissen, dass jede*r einen anderen Punkt aus der Predigt mitnimmt. Auch aus diesem Grund verlässt niemand nach der Messe schnell die Kirche – ganz im Gegenteil. Die Leute verbringen noch gemeinsam Zeit in der Kirche, musizieren, tanzen und feiern.“ Obwohl der größte Teil der Kirchengänger aus Westafrika kommt, lädt der Reverent Gläubige aller Länder zu sich in die Messe ein: „Bei uns sind alle Menschen willkommen, wir kennen keine Grenzen. Die einzige Voraussetzung, die wir haben, ist, eine englischsprachige Messe zu verstehen.“

Black Vienna Church
Foto: Zoe Opratko

Die englischsprachige, afrikanische und katholische Gemeinschaft, der der Reverend Nganga John Njenga vorsteht, hält ihre Messen sonntags um 11:15 in der Pfarrkirche Auferstehung Christi in der Siebenbrunnenfeldgasse 22–24, 1050.

Black VIenna Bookshop
Foto: Zoe Opratko

AFRIEUROTEXT

Bücher von Schwarzen Autor*innen oder mit starkem Afrika-Bezug sind in Österreich leider noch immer Mangelware. Wer Texte und Bücher von Maya Angelou, Richard Wright oder Audre Lorde in Wien kaufen will, sucht lange. Und meist vergebens. Die Initiative AFRIEUROTEXT mit der gleichnamigen von Daniel Romuald Bitouh geleiteten Buchhandlung will das ändern und lädt fast täglich zum Diskurs ein. Ziel ist, die Hauptanlaufstelle für Personen zu sein, die mehr über die afrikanische Kultur erfahren möchten und sich engagieren wollen: „Studierende kommen zum Recherchieren oder mit dem Wunsch, eine Feldforschung in Afrika durchzuführen. Binationale Familien kommen meist gemeinsam her, um Kraft zu tanken oder Kindern mehr über die Wurzeln ihrer Familie zu zeigen. Dies können Bücher, Vorträge aber auch das Heranführen an afrikanische Sprachen sein wie Bambara, Susu oder Wolof“, nennt Bitouh die vielfältigen Gründe, in sein Bücherreich im zweiten Bezirk einzutauchen. Wer wirkliches Interesse an einem bestimmten afrikanischen Land und der Kultur hat, Lust auf ein anregendes Gespräch verspürt oder ein entspanntes Verweilen in angenehmer Atmosphäre sucht, ist absolut richtig in der AFRIEUROTEXT Buchhandlung. Jeder Besuch ist ein einzigartiges Erlebnis, ein Eintauchen in die lang ersehnte Heimat, ein Erforschen der eigenen Wurzeln.

Black VIenna Bookshop
Foto: Zoe Opratko

WO?

Lassallestraße 20, 1020.

https://www.afrieurotext.at/

Black Vienna Fashion
Foto: Zoe Opratko

HAND MADE STORY by Barbara Alli

Fashion ist ein fester Bestandteil der Schwarzen DNA. Was nie aus der Mode kommt, sind afrikanische Stoffe und Muster. Sie pimpen jedes Outfit mit einer besonderen Portion „Roots“ auf und ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Traditionelle afrikanische Kleidung zu bekommen ist jedoch kein leichtes Unterfangen – auch nicht in einer Großstadt wie Wien. Geschäftsfrau, Model und Sängerin Barbara Alli versucht mit ihrem Shop „Hand Made Story by Barbara Alli“ diese Lücke zu schließen. „Die Idee für den Shop kam, nachdem ich nach Wien gezogen bin. Ich hatte schreckliches Heimweh und fragte mich, wie ich meine Heimat zu mir bringen könnte“, erinnert sich Alli. Ihre Kunden wollen entweder ein Stückchen Heimat mitnehmen oder neugierig in eine neue Kultur eintauchen. Headwraps, Dresses, Accessoires oder Hemden – wer ein Stückchen Afrika bei sich tragen will, ist bei Barbara Alli in den richtigen Händen. Mit den coolen Afrobeats, der wunderbaren Stimmung und der stylishen Mode will man den Shop auch gar nicht mehr verlassen.

Black Vienna Fashion
Foto: Zoe Opratko

WO?

Wiedner Hauptstrasse 25, 1040.

Handmadestory.at

Black Vienna Hair
Foto: Zoe Opratko

MAYA’S AFRO STYLE

Haare und Hairstyles sind für die Schwarze Kultur unfassbar wichtig – und mit Schwarzem Haar umzugehen ist eine Kunst. Umso schwieriger ist es, Frisör*innen zu finden, die sich damit auskennen. Mayamisse Soura ist eine davon. Egal ob Braids, Weave oder ein Schnitt – Maya kann das alles mit links. Die gebürtige Burkinerin übt seit über 16 Jahren ihr Handwerk aus und besitzt seit vier Jahren ihren eigenen Afro Shop. „Ich denke, dass es mehr Salons wie meinen geben sollte, die sich auf die Haare Schwarzer Menschen spezialisieren. In der heutigen Gesellschaft werden Afro-Haare noch immer als ‚nicht schön‘ oder ‚befremdlich‘ angesehen“, so Soura. Aufgrund der freundlichen Atmosphäre kommen mittlerweile Kunden von afrikanischen wie auch lateinamerikanischen  Ländern, sowie Schwarze und weiße ÖsterreicherInnen zu ihr in den Salon. Lust auf eine neue Frisur oder eine Haarberatung bekommen? Egal ob Afrohair, lockiges oder glattes Haar – bei Maya bist du an der richtigen Adresse.

Black Vienna Hair
Foto: Zoe Opratko

WO?

Gumpendorferstraße 69, 1060.

www.mayasafrostyle.com

Black Vienna Markt
Foto: Zoe Opratko

AFRICAN MEAT JOINT am Brunnenmarkt

Afrikanisches Essen ist Geschmack, Schärfe und Liebe. Es wird in großen Mengen serviert, damit die ganze Familie auch richtig satt wird. Im Mittelpunkt der Speisen steht meist eine Zutat: Fleisch. Der ultimative Hotspot, um das buchstäbliche Herz deiner „Pepper Soup“ oder deines „Stews“ zu bekommen, ist der African Meat Joint am Wiener Brunnenmarkt. „Die meisten meiner Kund*innen kommen aus Nigeria, Ghana und anderen afrikanischen Ländern“, verrät mir der Besitzer Yusif Sunday. Der Unterschied beim Einkaufen ist schnell erklärt: „Afrikaner*innen kaufen viel und große Mengen – egal ob es Ziege, Rind, Lamm oder Innereien sind. Ganz wichtig ist für sie, dass das Fleisch von uns nochmals zerkleinert wird, damit sie es gleich für Stew oder eine Suppe verwenden können. Nicht-Afrikaner*innen kaufen nur ein bestimmtes Stück Fleisch.“ Ob Rindfleisch für Meat Pies, Huhn zum Jollof Rice (Reisgericht aus Westafrika) oder Ziegenfleisch für Egousi Soup (nigerianische Suppe aus gemahlenen Melonenkernen) – am African Meat Joint findest du genau das und viel mehr. Kleiner Tipp am Rande: Genau hinter dem Stand kannst du im Laden noch Okra, Plaintain oder Yam kaufen, um deine Gerichte zu vollenden.

Black Vienna Markt
Foto: Zoe Opratko

WO?

Brunnenmarkt, Nähe Thaliastr., 1160 Wien

 

Zur Autorin:
Lisa-Marie Idowu ist in Graz geboren, lebt seit sechs Jahren in Wien und hat ihre Wurzeln in Nigeria und Österreich. Sie hat ihren Bachelor in Publizistik- und Kommunikationswissenschaften absolviert und schließt momentan ihren Master in Media- und Kommunikationsberatung ab. Als freie Journalistin setzt sie ihren Schwerpunkt auf feministische Themen, Diversität und Rassismus. Ihr Text ist daher auch gendergerecht mit *  verfasst. Ihr Blog ist unter lissiix.wordpress.com zu finden. Auf Social Media ist sie unter lissi_ix zu finden.

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