Endlich. Wir fahren wieder runter!

08. Juli 2021

Vergilbte Harry Potter Plakate hängen vor dem Kino, der Muezzin weckt viel zu früh und niemand kommt auf die verrückte Idee, beim Mopedfahren einen Helm zu tragen. Die Geräusche und Gerüche der Heimat sind unbeschreiblich. Doch wegen Corona waren die Autorinnen lange nicht „unten“ – zu lange. Weder im nordiranischen Gorgan noch im polnischen Bergdorf, sie waren nicht in Sakarya am Schwarzen Meeroder im ländlichen Nordmazedonien: vier Liebeserklärungen an die Orte der Kindheit, des Krafttankens und der Vorfreude auf Wiedersehen.

 

MEIN PERSÖNLICHES ENDE DER WELT

Von Aleksandra Tulej

Foto: Claudia Moszynski
Foto: Claudia Moszynski

Das Bett ist eng, unbequem und ich bin seit Jahren ein paar Zentimeter zu groß dafür. Von den Wänden starren mit strengem Blick die Heilige Maria und der Erzengel Gabriel als Aquarell auf mich herab. In dem riesigen Schiebeschrank verstauben meine alten Baby-Born-Puppen sowie ein altes Mobile, das die Gewohnheit hat, sich selbst einzuschalten und mitten in der Nacht „Für Elise“ zu krächzen. An der Decke klebt ein Sticker-Planetensystem, das im Dunkeln leuchtet – seit 29 Jahren. 

Ich beschreibe hier kein Horrorfilmset, sondern den schönsten Ort der Welt. Denn diese Planeten-Aufkleber sind meine einzige Konstante im Leben. Wir befinden uns in meinem Kinderzimmer in einem kleinen Bergdorf in Südpolen, fünf Autostunden von Wien entfernt. Ein Ort, an dem ich weder geboren, noch durchgehend aufgewachsen bin. Aber trotzdem verbinde ich mit ihm die allerbesten Erinnerungen. Das ist der Ort, den ich als meine Heimat bezeichne. Hier lebt der Großteil meiner Familie. Hier hatte ich die besten Sommer der Kindheit voller Kreide, Schlamm und Cliquen-Kriegen. Später folgte hier das erste Liebesdrama. Und auch das erste Bier. Von hier aus sind es nur 30 Minuten zu Fuß über die Berge in die Slowakei, dort hat niemand nach dem Ausweis gefragt.

Und auch heute, als Erwachsene, gibt es für mich nichts Schöneres, als bei der Ankunft die Ortstafel zu lesen. Schwer auszusprechen, noch schwieriger in Worte zu fassen. Es ist ein Tal umgeben von Wald und Wiese. Als Kind dachte ich immer, hier ist das Ende der Welt. Für mich bedeutet es aber nur eines: Alles wird gut. Egal, was in der „realen“ Welt passiert: Hier bin ich sicher, geborgen und zuhause.

Auch wenn hier alles ein wenig heruntergekommen, eigen und in den Neunzigern steckengeblieben ist: Ich liebe es. Ich kenne jeden Winkel dieses Ortes. Den Ladenbesitzer, der seinen Mini-Markt nach Lust und Laune aufsperrt, nach dem Motto: „Vielleicht hab ich morgen geöffnet, wenn ich dann aufgestanden bin.“ Das alte, längst geschlossene Kino, vor dem immer noch vergilbte Plakate von „Harry Potter und der Gefangene von Azkaban“ hängen. Die Bank im Dorfzentrum, auf der sich immer die örtlichen sogenannten „Trinker“ versammeln. Den neu eröffneten Kebap-Laden: exklusiv nur mit Schweinefleisch. Das 5-Sterne-Hotel, in dem die polnische Crème de la Crème für den Winterurlaub absteigt. Hier ergibt nichts Sinn und das macht es so perfekt. 

Nach der Ankunft ist das Prozedere immer gleich: Ich komme gegen Mitternacht an, schließe die Holztüre der Wohnung auf und finde auf dem Küchentisch ein Sortiment vor, auf das jeder Bio-Supermarkt neidisch werden kann: Allerhand selbstgemachte, eingemachte Marmeladen, Konfitüre, riesige Laibe Brot, Kompott, Eier, Wurst – man könnte eine zwölfköpfige Familie damit füttern. Daneben ein Zettel: „Damit du bis morgen keinen Hunger hast!“ Die Täter: meine Großeltern, bald 90, seit über 60 Jahren verheiratet. Am nächsten Morgen ist meine erste Tätigkeit, zu ihnen zu laufen. Sie sind immer schwer beschäftigt: Sie trocknen irgendwelche Kräuter, werkeln etwas am Haus herum, Opa putzt sein Motorrad, Oma hört in voller Lautstärke die Messe im Radio. „Aber setz dich mal hin, du musst erstmal was essen!“, ist stets der Einleitungssatz. Nachdem ich ihnen also zum fünfzigsten Mal meinen Job erklärt habe und mich ausreichend gerechtfertigt habe, warum ich denn immer noch unverheiratet bin und ihnen ins Gesicht vorlüge, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen, wird mir ein Teller Pierogi hingestellt. Opa zeigt mir zum vierhundertsten Mal den Berg, auf dem er als Kind die Gestapo ausgetrickst hat, und fragt mich im selben Atemzug, wie man ein Foto mit dem Handy macht. Und dann bleibe ich stundenlang in ihrer Küche, die sich seit meiner Kindheit nicht verändert hat. Nur den Kachelofen haben sie durch einen modernen Herd ersetzt. Trotzdem ist auch das eine Konstante, die ich sonst in meinem Leben vergeblich suche: immer dieselben Geschichten, dieselben Rituale, dieselben Gerüche und Gefühle. Und ich weiß, dass ich diese nicht mehr lange genießen kann. Aber auch wenn die Großeltern eines Tages weg sind, kenne ich alle Pfade, Berge und Waldwege, die sie ihr Zuhause nennen. Bevor ich zurück nach Wien fahre, habe ich ein persönliches Ritual: Egal ob im Hochsommer, oder bei Minus 20 Grad im Winter: Ich laufe auf meinen liebsten Berg hoch, schließe die Augen und bleibe ein paar Minuten so stehen. Das gibt mir Energie für die nächsten Monate, komme, was wolle. Und das schon seit Jahren.

Ich zähle die Tage, bis ich im Sommer wieder die Tür aufschließe und mein Arsenal an Essen am Küchentisch vorfinde. „Was? Du fährst schon wieder nach Polen? Wird das nicht irgendwann langweilig?“, bekomme ich immer wieder zu hören. Nein. Niemals. Es ist der einzige Ort, an dem ich aufatmen kann. Mein persönliches Ende der Welt.

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DAS DIEBESGUT, UNSER FLUCHTFAHRZEUG UND MEIN KOMPLIZE

Von Semsa Salioski

Foto: Bereitgestellt
Foto: Bereitgestellt

Ich öffne das riesige Fenster. Die heiße Luft, die nach einer Explosion aus Brennholz und Blumen riecht, strömt in den abgedunkelten kühlen Raum hinein. Wäre diese Gegend eine bekannte Parfummarke, müsste diese Kombination ihr Bestsellerduft sein. Ich schlüpfe in mein weißes Sommerkleid und laufe im Eiltempo die Treppen des alten Hauses mit den roten Ziegeln hinunter. Mit viel Anlauf springe ich in die verrostete braune Schubkarre, die schon wie eine Art Ferrari vor der Tür bereitsteht. Gleich darauf schmeißt der Mann neben mir die riesige Wassermelone, die ich zuvor heimlich hinunter geschmuggelt habe, auf meinen Schoß. „Wir dürfen nicht warten, sonst sieht sie uns“, sagt er grinsend und schiebt los. Die Fahrt ist ziemlich holprig, denn es kam noch keiner auf die Idee, diese sogenannte „Straße“ zu asphaltieren. Plötzlich rennt eine Frau mit Handtuchturban aus dem Haus. Ich werfe einen Blick nach hinten. Sie flucht wild vor sich hin, während sie sich ein Grinsen verkneift.

Ich war sieben Jahre alt und das ist eine meiner Lieblingserinnerungen an die Sommerurlaube, die ich im Heimatland meiner Eltern, Mazedonien oder wie man heute sagt Nordmazedonien, verbracht habe. Die Frau in der Geschichte ist meine Mutter, die nicht wollte, dass das nächste Kleid von mir in die Mülltonne muss. Mein „Fahrer“ und Komplize war mein Opa, der schon immer gerne für Ärger, aber vor allem für Spaß gesorgt hat. Die Wassermelone war unser Diebesgut aus der Küche, das wir nie mit dem Rest der Familie teilen wollten. Wie schon so oft sind wir daher für unsere „Wassermelonen-Tradition“ zu seinem Garten „gefahren“, der nur wenige Häuser weiter weg liegt. Dort konnten wir dann zwischen Zwetschkenbäumen und Weinreben picknicken und uns die Melone in Ruhe teilen. 

Meine Eltern stammen aus einer ländlichen Region. Sie ist von riesigen Bergen umgeben, die man auch aus dem nahegelegenen Stadtzentrum erkennen kann. Grün ist daher die Farbe, die ich automatisch mit „der alten Heimat“ meiner Familie assoziiere. Mir ist schon klar, warum die österreichische Bundeshymne beginnt, wie sie beginnt, aber ich persönlich verbinde Österreich in erster Linie mit Wien und nicht mit dem „Land der Berge“. Ich bin zwischen U-Bahn-Stationen, Einkaufsstraßen, Lokalen, Glasbauten und klimatisierten Malls groß geworden. Ich kann nicht leugnen, dass der Landei-Lifestyle einmal im Jahr richtig guttut. 

Die „Scheißegal!“-Attitude des Balkans 

Doch neben dem Naturaspekt verbinde ich das Heimatland meiner Familie stark mit einer lockeren „Scheißegal!“-Haltung. Wer schon „unten“ war, wird bestätigen können, dass der Alltag vor allem in ländlichen Balkanregionen mit einer großen Portion Leichtlebigkeit bestritten wird. Beispielsweise sieht man viele Personen auf Mopeds durch die Gegend düsen, aber niemand würde auf die „verrückte Idee“ kommen, dabei einen Helm zu tragen. Passend dazu geht man grundsätzlich nur dann zum Arzt, wenn das Gefühl aufkommt, dass man ansonsten vielleicht doch sterben könnte. Die meisten würden außerdem, ohne mit der Wimper zu zucken, ihren allerletzten „Denar“ ausgeben, um Freunde und Verwandte im Lokal einzuladen, denn „Geld kommt und geht“. Sich lauthals um die Rechnung zu streiten und anderen die Geldbörse aus der Hand zu schlagen, sollte Landessport-Status haben. Auch die Nachbarn leben das „Scheißegal!“-Motto hemmungslos aus, denn sie kommen und gehen, wann es ihnen passt. Vorher anrufen und nachfragen gehört nicht zum guten Ton. Apropos: Die Sprachdynamik schreit ebenso nach radikaler Unbekümmertheit. Es wird schamlos geflucht, auch vor den Kindern. Es vergeht kein Tag, ohne dass verbal irgendeine Mutter ge.…, na ja ihr wisst schon. Sie meinen die ganzen Beleidigungen aber nicht so, I promise. Die „Scheißegal!“-Attitude kann jede*r bewerten, wie er oder sie möchte. Für mich persönlich fühlt sie sich ausgesprochen vertraut an, da meine Familie natürlich viele Kulturaspekte mit in die Koffer nach Österreich gepackt hat.

Die Gegend bleibt gleich, die Menschen aber nicht 

Da zwischen jeder Reise ein ganzes Jahr vergeht, denke ich am ersten Tag immer darüber nach, wer ich im vergangenen Jahr war und was sich in meinem Leben verändert hat. Die Gegend bleibt gleich, die Menschen aber nicht. Vor allem in den letzten Jahren konnte ich auf diese Art viele Schritte zum Erwachsenwerden beobachten. In meinen frühesten Kindheitserinnerungen sitze ich noch neben meinen Eltern im Bus und trete die Höllenfahrt an, die manchmal zwanzig Stunden gedauert hat. Jahre später fliege ich schließlich ganz alleine mit dem Flieger ins Land und wieder zurück. Letztes Jahr fuhr ich wegen Corona den ersten Sommer nicht „runter“. Mein Opa ist leider nicht mehr da und ich bin auch kein Kind mehr. Meine (Schub)-Karre muss ich mittlerweile ganz alleine fahren. Und trotzdem freue ich mich wahnsinnig auf diesen Solo-Trip. Vielleicht packe ich heuer zum Spaß eine kleine Wassermelone auf den Beifahrersitz, mal schauen. 

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PARALLELWELTEN

Von Sarah Mohammadi

Foto: Bereitgestellt
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Mein Kopftuch ist anders, mein Mantel ist neu – doch es ist so, als wäre ich nie weggewesen. 

Wie eine Zeitreisende bewege ich mich durch diesen Ort, an dem die Zeit stehengeblieben ist. Ich befinde mich auf dem Flughafen von Teheran. Feierlich atme ich diese vertraute stickige Luft, diesen Duft nach Benzin, ein. Ich bin in meiner anderen Welt angekommen. In einer Parallelwelt, wo ich fast jeden Sommer verbracht habe. Eine Parallelwelt, in der ich nie fremd aussehe. Eine Parallelwelt, in der ich jederzeit meine Verwandten sehen kann. 

Teheran, Persepolis, Isfahan – im Iran gibt es viele schöne Orte. Doch ich verfolge ein anderes Ziel. Traditionell geht unsere Route von ein paar Tagen von Teheran zur Heimatprovinz meiner Eltern Gilan am Kaspischen Meer. Dort werden weitere Verwandte besucht, bis ich an dem schönsten Ort des Landes ankomme: in einer Wohnung in Gorgan, einer Stadt im Norden Irans. Gorgan bedeutet übersetzt „Land der Wölfe“. Dort ist es im Vergleich zum Rest des Landes sehr grün. An die Stadt grenzen viele Wälder an, die Luft im Sommer ist feucht und stickig. 

Die Wohnung liegt in einem etwas in die Jahre gekommenen Gebäude. Die Wohnung meiner Großeltern. Der Boden ist vor lauter Teppichen kaum mehr zu sehen, täglich duftet es nach frischem Reis. In der alten Holzküche brüht meine Oma tagein tagaus Tee. Morgens werde ich viel zu früh mit den melodischen Gebeten des Muezzins aufgeweckt, draußen mischen sich Straßenlärm und hupende Autos. Doch ich liebe es. Ich liebe es, auf dem Balkon am Jasmin meiner Oma zu schnuppern, mich mit meiner Schwester an die Klimaanlage zu kuscheln, zusammen alte Videos anzusehen. Ich liebe die Erinnerungen an meinen Opa, der vor zwei Jahren gestorben ist. Erinnerungen daran, dass er uns frühmorgens immer Milch in Glasflaschen brachte, denn so schmecke sie viel besser. Erinnerungen an ihm in seinem weißen T-Shirt, seinen beigen Shorts, grillend auf dem Balkon. Erinnerungen daran, dass er sich schlapp lachte, wenn ich Deutsch geredet habe, weil er die Sprache so lustig fand.

Ich liebe es, mir Filme im örtlichen Kino anzusehen, zum Bazaar zu gehen, die Nachbarstochter Shima zu besuchen. Mit ihr spielten wir tagelang Super Mario Bros und naschten puren Kakao, den wir aus Österreich mitbrachten. Ich liebe es, die Gemälde meiner Mutter anzusehen, die sie als Teenager gemalt hat. In ihr altes Zimmer einzutauchen, in eine andere Zeit, in der sie noch nicht in Österreich gelebt hat. Wenn ihre Cousinen zu Besuch kommen, wird dieser Raum zu einem Schönheitssalon umfunktioniert. Haare werden geschnitten, Augenbrauen gezupft und Nägel lackiert. Es wird gelacht, es wird Tratsch erzählt. Manchmal, wenn viele Gäste zu Besuch sind, spielen wir Dabelna, die iranische Version von Bingo. Anschließend werden alte Lieder gesungen, die „Daf“ gespielt und über Politik geredet. Darüber, wie lange sich das Regime noch halten wird, über die horrende Inflation und über die jüngsten Festnahmen. Auch das gehört in meine andere Welt. 

In dieser laufen die Uhren anders, viel zu schnell. Aus Tagen werden Wochen und irgendwann befinde ich mich wieder umgeben von dieser vertrauten stickigen Luft und dem Duft nach Benzin. Die Abschiede fallen auch nach all den Jahren schwer, die Entfernung ist viel zu groß. Doch ich muss diese Parallelwelt wieder verlassen. 

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Und immer weint die „Sulu göz“ beim Abschied

Naz Kücüktekin

Foto: Bereitgestellt
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In der Nacht vor dem letzten Schultag konnte ich meistens nicht schlafen. Ich war zu aufgeregt. Aber nicht, weil die Zeugnisse an diesem Tag übergeben wurden und die Sommerferien offiziell begannen, sondern weil es der Tag war, an dem meine Eltern, mein Bruder und ich uns ins Auto setzten und losfuhren – mehr als 2000 km Weg und eine fast zwei Tage dauernde Fahrt. Das Ziel: Sakarya, Türkiye

Eigentlich hasste ich diese ewig lange Fahrt, hauptsächlich weil mir bei Autofahrten – bis heute – immer schlecht wird. Aber für den Sommerurlaub in der Türkei war mir das egal. Es war alles vergessen, sobald wir die Auffahrt zur Wohnung meiner Oma hochfuhren, wo unsere ganze Familie auf uns wartete. Und wenn ich ganze Familie sage, dann meine ich das auch so. Bis heute wohnen meine Oma und der Großteil meiner Tanten und Onkeln in der kleinen Küstenstadt am Schwarzen Meer. Und die, die es nicht tun, kommen im Sommer trotzdem zu Besuch – 18 Kilometer durchgehender Sandstrand machen halt Sinn.

Den ganzen Tag am Strand verbringen, Sandburgen bauen, im Meer sein, bis meine Hände ganz schrumpelig und meine Lippen ganz blau werden, und den Abend dann am Lagerfeuer sitzen und Karaoke-Wettbewerbe mit meinen Cousinen und Cousins machen – so sind meine Kindheitswochen in der Türkei.

In Wien lebten wir in einer kleinen Stadtwohnung, in der Türkei gehören uns über 100 Quadratmeter mit Meerblick. Übers ganze restliche Jahr begrenzte sich meine Familie auf drei Personen, in der Türkei hatte ich über 15 Personen, die mich umarmten, sich für mich interessierten, mir jedes Mal Taschengeld in die Hand drückten und mich als eine von ihnen ansahen. In der Türkei war alles sorglos und irgendwie leichter. Es war eine Auszeit vom Leben, den Alltag und den Problemen, eine Insel, auf der alles andere so fern schien. Ich hätte sie am liebsten nie verlassen. Ich weinte jedes Mal, wenn wir dann wieder ins Auto stiegen, um zurück nach Wien zu fahren.

„Sulu göz“, auf Deutsch etwa „Heulsuse“, ist bis heute bei meiner Tante mein Spitzname, auch wenn ich seit Jahren nun schon nicht mehr bei den Abschieden weine – na gut, vielleicht habe ich ein paar Tränen in den Augen. Und auch wenn ich meine Urlaube in der Türkei nicht mehr ganz durch die rosarote Brille betrachte, den Flieger, statt dem Auto nehme, ist es mein „Zuhause“. Der Ort, wo meine ganze Familie lebt und der Schlüssel an jeder Tür draußen steckt, und man einfach so hineingehen kann. Der Ort, an dem ich von Onkeln und Tanten kistenweise Feigen gebracht bekomme, weil sie wissen, dass es mein Lieblingsobst ist und ich in Österreich keine bekommen kann, „die so schmecken wie bei uns“ – was leider wirklich so ist. Dasselbe gilt für die Haselnüsse aus dem Garten meiner Oma, das Salca meiner Tante oder dem Kuskus aus dem Laden an der Busstation. Mein Koffer, der beim Start in Wien noch ganz leicht zu ziehen ist, wird bei der Rückreise dadurch immer zur Qual.

Aufgrund von Corona habe ich diesen Koffer nun schon lange nicht mehr gepackt. Im September sind bei uns die Feigen reif, und ich, glaube ich, dann auch Türkei-reif.

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