Hinter dem Vorhang

07. November 2012

Ich dachte, ich kenne meine Heimatstadt Prijedor in Nordbosnien. Wo man die besten Cevape isst, welche Locations man lieber meiden sollte, wie man am Markt am geschicktesten feilscht. Eine dunkle Ecke der Stadt war mir unbekannt – das Reich von Gipsy King.

Die Atmosphäre ist beklemmend. Während wir uns in seinem Café „schwarzen Mamba“ unterhalten, sitzt er mit dem Rücken zur Wand. Immer wieder blickt er auf die Straße, als kontrolliere er den Verkehr allein mit seinem Blick. Das hier ist ein anderes Prijedor. Auch wenn das Zentrum der nordbosnischen Stadt in ein paar Minuten erreichbar ist, fühle ich mich meilenweit entfernt.

Sein Telefon läutet ununterbrochen. Er begrüßt vorbeifahrende Autos, zwinkert hübschen Mädels zu. Es wirkt fast so, als wolle er sein Revier verteidigen. Seine zwei Kellnerinnen kontrollieren im fünf Minuten Takt, ob unser Aschenbecher voll ist oder unsere Gläser leer. Er scheint besessen von dem Bedürfnis nach Macht. Er leitet das Gespräch. Er entscheidet, in welche Richtung wir gehen. Der Grat zwischen Humor und Ernst ist schmal und verschwommen. Sicherheitshalber warte ich, bis er lacht um dann mit einzustimmen.

 

Der Müllbaron, der sein Alter nicht verrät und es vielleicht auch gar nicht weiß, ist serbisch-bosnischer Roma. Geboren wurde er in Paracin, Serbien. Doch zu dem Land hat er keinen Bezug. „Ich bin als Baby nach Prijedor gekommen und habe nichts am Hut mit Serbien, ich mag es auch nicht sonderlich. Die Leute sind mir einfach unsympathisch.“ Sein Haus ist schlicht, überall hängen Fotos von seinen Biker-Kollegen und ihm. Auf einem Flatscreen läuft eine Reality-Soap. Seine Frau ist sehr still, versorgt uns mit traditionellem Kaffee und bleibt im Hintergrund. „Ich mache mein Geld mit Müll. Außerdem bin ich der erste Roma mit einem eigenen Café“ erzählt Dejan weiter. Er hat zwei Kinder, für einen Roma wenig. Kristijan (13) und Valentina (7) besuchen beide die Schule. Auch das ist ungewöhnlich. „Es ist nicht üblich, dass Roma zur Schule gehen. Aber Ausbildung muss sein.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Doch der Abfallkönig scheint einen harten und einen weichen Kern zu haben. Er erinnert mich an die Sorte Kinder, die nie die nötige Aufmerksamkeit bekommen haben. Vielleicht lässt er deswegen so den Macho raushängen. Sprüche wie „Ich bin mehr auf dem Motorrad als auf meiner Frau“ begleiten mich den ganzen Tag über. Er will vermitteln, wie viel Macht er hat. Er wirkt wie ein Kind, wenn er versucht, mich mit seiner eigens kreierten Biker-Hose zu beeindrucken. Er hebt sie stolz in die Höhe und erwartet staunende Blicke.

 

 Eine Roma-Frau kommt zur Tür, er erhebt sich aus seinem zerschlissenen Ledersessel. Sie drückt ihm demütig 50 KM (25 Euro) in die Hand. „Ich habe wirklich nicht mehr“ entschuldigt sie sich mit Augen, die erahnen lassen, welche Angst sie hat. „Spesen“ sagt er. Gipsy King hat die Menschen in seinem Viertel wie Marionetten unter Kontrolle. Er macht die Musik, sie tanzen wie er es will.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Schatten seines Häuschens befindet sich ein viel größeres Gebäude. Der verfallene Sozialbau der restlichen Roma im Viertel. Auf dem Weg dorthin laufen wir an einem Autoskelett vorbei. Ein glitzernder Kinderschuh liegt herum, Simo, Valentinas Hund, kaut an einer Plastikflasche. Vor dem Haus laufen zwei kleine Kinder in unsere Richtung. Die Neugier in ihren großen, dunklen Augen wird immer größer. Wer ist diese Fremde? Bringt sie Süßigkeiten? Sie verstecken sich im Roma-Haus, blicken hinter schimmeligen Wänden und eingetretenen Türen hervor. Der Gestank brennt in der Nase. Es riecht nach abgestandener Luft und Verwesung. Das Gebäude wirkt düster, Strom gibt es keinen, dafür überall Fäkalien – an den Wänden, Türen und am Boden. Gipsy King sträubt sich mit seinen Nachbarn in Verbindung gebracht zu werden. „Sie leben wie die Schweine, weil sie es so wollen“ erklärt er angewidert. Ich versuche meine Gedanken zu ordnen. Wo bin ich hier? Wo ist das Prijedor, das ich kenne? Noch vor wenigen Stunden habe ich genüsslich meinen Nescafé in der Fußgängerzone geschlürft, umgeben von Liebespaaren und Freunden. Jetzt stehe ich ratlos in dieser anderen Welt zwischen all dem Müll und all den Geheimnissen.

 

Im Reich des Müllbarons herrschen andere Gesetze. Woher kommt der Müll? Wohin verkauft er ihn? Macht er wirklich nur mit Abfall sein Geld? Wieso wirkt seine Frau so apathisch? Warum tätowiert er seine beiden Kinder? Seine Welt besteht aus Vorhängen, die dunkle Seiten verstecken. Nur er darf sie beiseite schieben.

 

Von Alexandra Stanić und Marko Mestrović (Fotos)

Bereich: 

Kommentare

 

Echt gute Fotos!! Von einem echt düsteren Ort.

 

Freut mich, dass dir die Fotos gefallen :) Im Heft sind noch vieeel mehr

 

die geschichte bricht mir das herz..

 

ich habe mich so erledigt gefühlt nach dem tag mit ihm, ich kann dir nicht mal genau erklären, wieso.

 

Also ich finde es nicht gut über so jemanden zu berichten, der sich dadurch sicher noch bestärkt fühlt....Ich möchte Dich nicht persönlich angreifen, nur finde ich dass es sicher genug andere interessante Menschen in Deinem Dorf gibt die Du nicht kennst, die keine Schwerverbrecher sind -> zumindest wird der Mann hier so dargestellt.......Mag ja sein dass es wichtig, interessant, skuril ist auch so etwas zu zeigen, aber dann sollte man schon eine gewisse Wertung in den Bericht bringen und nicht so boulevard mäßig, als wäre es sogar noch fast cool so zu sein wie der "Mafiamann"....oder hattest Du Angst vor seiner Reaktion, wenn er den Bericht liest und Du nicht "nett" berichtet hast bzw. objektiv, neutral....zu neutral für meinen Geschmack für ein "linkes Magazin"....meine Meinung halt...

 

na aufjedenfall. Wenn mein Name schon fett im biber steht.. dann auch richtig ;) Is gut fürs Ego. sbobet 338a, judi online bola

Das könnte dich auch interessieren

.
Schlechte Ratschläge gibt es genug. Für...
mg
Die Regierung spart bei den AMS-...
Foto: Susanne Einzenberger
Chima Rameez Okpalaugo ist eigentlich...

Anmelden & Mitreden