Ich bin Rumänerin, oida!

14. September 2018

Biber-Leserin Elisabeth hat mit sieben ihre beste Freundin Crista, eine gebürtige Rumänin, kennengelernt. Heute sind beide 25 und Elisabeth spricht mittlerweile fließend Rumänisch und ist Teil von Cristas Großfamilie. Mit dieser Geschichte möchte Elisabeth ihrer rumänischen Familie danke sagen.

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Foto: Maximilian Salzer

In der ersten Klasse Volksschule lernte ich Crista Gloria Ciuciu kennen. Sie war ein exotischer Vogel verglichen mit den anderen Kindern: Sie hatte lange, rabenschwarze Haare, kam (unfreiwillig) mit pompösen Prinzessinnenkleidern zur Schule und hatte als einzige die erste Hausaufgabe nicht ordnungsgemäß erledigt. Da wir den gleichen Schulweg hatten, wurden wir sehr bald ganz besondere Freundinnen. Ganz besondere Freundinnen deshalb, weil ich nicht nur Cristas Freundin wurde, sondern ein Teil ihrer rumänischen Großfamilie. „Elisabeth, wenn du zu uns kommen willst, musst du Rumänisch lernen. Wir reden alle rumänisch und wenn du uns nicht verstehst, werden meine Söhne dumme Sachen über dich reden und dabei lachen – lern Rumänisch!“, so in etwa begrüßte mich Cristas Mama, Maria-Dorina Ciuciu, eine imposante Frau, die mit eiserner Faust ihre 7- köpfige Familie regierte. Komischerweise haben mich ihre Worte als kleines Mädchen nicht abgeschreckt, sondern ich habe mich mit vollem Enthusiasmus in eine traditionelle Balkanfamilie integriert. Tatsächlich waren Tanti Dorinas Söhne etwas anders als übliche große Brüder.  Sie vereinten in ihren jungen Jahren balkanisches Machogehabe mit einem frechen Mundwerk und einer großen Portion Humor. Niemand hat mich je so zum Lachen gebracht wie Cristas Brüder. Und abgehärtet haben uns die Burschen auch. Dank ihnen haut mich so schnell kein Mann um!

„Te iubesc“ 

Doch ich war nicht nur mit Cristas Brüdern unterwegs, ich wurde komplett in den Familienalltag der Familie Ciuciu integriert. Nach der Schule half ich Crista oft bei ihren Pflichten im Haushalt - und das waren nicht wenige. Gemeinsam gingen wir einkaufen, putzten die Fenster oder das Bad, schälten Berge von Kartoffeln und kochten für die ganze Familie. Crista konnte das alles schon mit sieben Jahren, und ich lernte es von ihr! Am Sonntag ging die ganze Familie in die rumänisch-penticostale Kirche, eine christliche Freikirche, und ich war oft dabei. Der feste Glaube an Gott ist bei allen in der Familie gleich und die Stärke, die sie aus ihrem Glauben ziehen, hat meinen eigenen Glauben gefestigt und gestärkt, wenn nicht sogar begründet. Egal wie schwer das Leben auch sein mag, einer der Ciucius wird mir immer mit voller Überzeugung sagen: „Orice lucru Domnul il face frumos la vremea lui. “ (1) Jeden Abend wurde gemeinsam in der Familie gegessen, gelacht und vor allem diskutiert (und das ganz schön hitzig!) . Jedes Gefühl hatte Platz und dadurch konnten Streits auch heftig werden. Doch  der Zusammenhalt und die Liebe dieser Familie waren und sind stärker als jeder Streit. Es kommt immer der Moment, in dem sich die Streitenden in die Arme fallen und sich „Te iubesc“(2) sagen. 

In guten wie in schlechten Zeiten  

Immer wieder wurde mir klar gemacht, dass ich ein Teil der Familie bin. Hatte ich gute Noten oder erreichte etwas, waren alle stolz auf mich. In schweren Zeiten standen alle Ciucius hinter mir und jeder versuchte mich auf seine Art wieder aufzubauen. Nichts, was ich tat, blieb unkommentiert, und oft habe ich mir gewünscht, dass meine Taten von der Familie Ciuciu unbemerkt bleiben (was nie der Fall war!). Es war oft hart, von Cristas Mama kritisiert zu werden, und manchmal war es auch nervig, von den Brüdern vor allen anderen verarscht zu werden. Doch da muss man durch, wenn man Teil der Familie Ciuciu sein will. Und das wollte ich von Anfang an, und will es noch immer. Die Ciucius sind für mich nicht nur die Familie meiner besten Freundin, sie sind meine eigene, zweite Familie geworden. Kommen Freunde der Familie zu Besuch, können sie es meist gar nicht glauben, dass ich keine Rumänin bin und eigentlich gar nicht dazugehöre. Ich fühle mich als Teil eines einzigartigen Integrationsprozesses, denn ich wurde zur Rumänin, oder wie wir sagen zur „Rumänerin“ gemacht. Dank der Ciucius habe ich eine Sprache gelernt, ein Land kennengelernt und bin Teil einer Kultur geworden, aus der ich eigentlich nicht stamme. Da mich Tanti Dorina vor zwanzig Jahren wie eine Tochter bei sich aufnahm und mir erlaubte, Teil ihrer großartigen Familie zu sein, kann ich heute voller Stolz sagen: „Eu sunt romanca“ (3)! 

(1) Alle Dinge macht Gott zur rechten Zeit schön. 

(2) Ich liebe dich. 

(3) Ich bin Rumänin.

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