„Ich höre in der U-Bahn Sachen, die ich nicht hören sollte.“

10. Juli 2021

Matea
1 Frau spricht 19 Sprachen: Matea Brandalik erzählt von ihrer Leidenschaft des Sprachenlernens. (Foto: Zoe Opratko)

Gedichte auf Portugiesisch, Romantik auf Arabisch, Schimpfen auf Russisch, laut sein auf Griechisch – Matea Brandalik spricht stattliche 19 Sprachen. Wie macht sie das?

Von Nada El-Azar, Fotos: Zoe Opratko

BIBER: Welche Sprachen sprichst du?

Meine Muttersprache ist B/K/S, ich bin aber auch mit Englisch aufgewachsen. Dann spreche ich noch Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Rumänisch, Dänisch, Griechisch, Arabisch, Farsi, Türkisch, Russisch, Weißrussisch, Tschechisch, Slowenisch, Mazedonisch, und Bulgarisch. Und seit Neuestem lerne ich Irisch.

Besuchst du für jede einzelne Sprache Unterricht?

Das kommt darauf an, ob ich aus derselben Sprachgruppe schon eine andere Sprache beherrsche oder nicht. Mazedonisch habe ich mir selbst beigebracht, indem ich mit mazedonischen Freunden gesprochen habe. Es ist ja dem B/K/S sehr ähnlich. Hingegen musste ich mir für Irisch ein Buch kaufen und eine besondere App runterladen. Da müsste ich einen Kurs besuchen, da das die erste keltische Sprache ist, mit der ich in Kontakt bin.

Hast du eine Strategie, um bei so vielen Sprachen nicht durcheinander zu kommen?

Ich habe keine besondere Strategie, außer, dass ich die Sprachen ständig verwende. In meinem Kopf hat jede Sprache ihren eigenen „Ordner“. Es kann natürlich immer passieren, dass ich Wörter vertausche oder falsch konjugiere. Das Wichtigste ist, dass man mit Leuten redet. Ohne Sprechen geht es einfach nicht. Selbst wenn ich eine Sprache nur auf A1 Niveau beherrscht habe, fing ich immer wieder an, mit Muttersprachlern zu reden. Ich war immer sehr offen und habe mich nie geschämt Fehler zu machen.

Bedeutet das nicht, dass du ständig viel mühsame Grammatik lernen musst?

Bei Arabisch, Türkisch und Persisch, die während meines Studiums gelernt habe, beschäftige ich mich auch mit tieferen grammatikalischen Themen, die man selbst als Muttersprachler nicht wissen muss. Bei anderen Sprachen, die ich aus Interesse lerne, baue ich den Wortschatz im Gespräch auf. Ich sage Leuten immer, dass sie mich gleich korrigieren sollen, wenn ich Fehler mache, damit ich mich nicht an sie gewöhne.

Was ist für dich das Beste am Dasein als polyglotte Person?

Ich bekomme in der türkischen Bäckerei oft mal etwas mit Rabatt oder sogar gratis. Ich habe einmal in der Nähe vom Brunnenmarkt gewohnt, das war sehr praktisch! Immer wieder geschehen witzige Dinge.  In der U-Bahn höre ich oft Sachen, die ich nicht hören sollte. (lacht)

Viele Menschen geben immens viel Geld für Sprachkurse, Bücher, Apps und dergleichen aus. Wie lernt man eine Sprache ohne hohe Ausgaben?

Es hängt natürlich von der gewünschten Sprache ab, aber nehmen wir einmal Spanisch oder Italienisch als Beispiel. Man kann sich die Basics im Alleingang aufbauen und sich dann einen Sprachtandempartner suchen, mit dem man das Sprechen übt. Das Gute am Tandem ist, dass dein Partner auch Hilfe mit deiner Muttersprache braucht. Das ist nicht nur ziemlich effektiv, sondern baut auch Hemmungen ab. Und nebenbei findet man dabei auch neue Freunde! Ich kann auch Sprachencafés stark empfehlen. Es war jedenfalls vor Corona so, dass es bis zu zehn Tische gegeben hat, wo jeder eine unterschiedliche Sprache üben konnte. Pro Tisch gibt es eine Person, die die Sprache perfekt beherrscht, um Fehler auszubessern.

Gibt es Sprachen, die du lieber sprichst als andere?

Ich liebe alle diese Sprachen, als ob es meine Kinder wären. Ich kann nur schwer sagen, dass ich eine Sprache mehr mag als die andere! Die Sprache, in der ich häufig nachdenke, ist Englisch. Meine Mutter sagt, dass ich im Schlaf manchmal Spanisch spreche. Ich finde, dass Schimpfen auf Russisch viel besser klappt als auf Deutsch. Romantik überlasse ich dem Arabischen oder Türkischen. Gedichte lese ich am liebsten auf Portugiesisch, ich fühle sie ganz anders. Und auf Griechisch bin ich wesentlich lauter als auf Tschechisch!

Gibt es einen Ort, an dem du dich mit deinen Sprachkenntnissen wirklich zuhause fühlst?

Ich liebe Belarus, das ist meine zweite Heimat. Mir tut es im Herzen weh, was nach den Präsidentschaftswahlen und den Protesten dort passiert. Und, wenn man die Sprachsituation betrachtet, ist mir letztes Jahr auch aufgefallen, wie schlecht es um die Sprache Belarusisch steht. 90 Prozent der Menschen, mit denen ich Belarusisch sprechen wollte, haben mich zwar verstanden, aber antworteten mir auf Russisch. Weißrussisch ist im Begriff auszusterben, einige Belarussen haben kein Wort verstanden. Die Identität der Belarussen ist stark geprägt von der Beziehung zu Russland, die Lukashenko unterhält. Weißrussisch wird von der UNESCO schon seit Jahren als potenziell gefährdete Sprache geführt. Ich hoffe, dass sich das nun ändern wird.

Welche neuen Horizonte haben sich dir durch deine Sprachkenntnisse eröffnet?

Ich verstehe andere Kulturen durch die Landessprachen viel besser. Mir ist aufgefallen, dass sich gewisse kulturelle Aspekte gut durch Schimpfwörter begreifen lassen. Auf Russisch beleidigt man Menschen ganz anders als auf Deutsch oder Französisch. Dafür scheint es Parallelen zum Arabischen zu geben, weil man viel auf die Eltern schimpft. Sowas lernt man allerdings nicht im Sprachkurs, sondern im alltäglichen Kontakt mit Menschen. Das finde ich sehr schade! Wenn meine Sprachschüler mich nach Schimpfwörtern fragen und wie man sie verwendet, versuche ich das so gut wie möglich zu erklären. Im Englischen sind Schimpfwörter überall zu hören, und nicht so beleidigend. Im Griechischen jedoch wäre es unmöglich, in einer Arbeits- oder Studiensituation zu schimpfen, wie man es mit Freunden tut.

Für die meisten Leute hört das Lernen bei der zweiten Fremdsprache auf. Warum hast du immer weitergemacht?

Mir wäre nie eingefallen, dass ich aufhören könnte! Ich hab noch eine ganze Liste von Sprachen, die ich unbedingt lernen will. Zum Beispiel Maltesisch, Hindi, Albanisch und Finnisch. Und diese Liste wächst bestimmt weiter.

***

Steckbrief: Matea Brandalik
Ist 25 Jahre alt und in Tuzla, Bosnien geboren. Ist 2014 nach Wien zum Studieren gekommen.
Studium: Orientalistik und Master Dialogdolmetschen (Russisch, Deutsch, B/K/S, Portugiesisch)

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