"Mi" = "Wir"

26. Februar 2015

Wiens Unternehmer wählen zwischen dem 23. und 26. Februar ihre Standesvertretung. Die Fraktionen wollen dabei auch die Tausenden Unternehmer mit internationalem Background für sich gewinnen.

Text: Gizem Yazgan, Foto: Christoph Liebentritt

Stell dir vor es sind Wahlen und nicht einmal jeder Dritte geht hin. Genau das passierte bei den letzten Wiener Wirtschaftskammer Wahlen vor fünf Jahren. Nur 29 Prozent aller Unternehmer machten damals von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Das Ergebnis brachte eine hauchdünne absolute Mehrheit (50,3 Prozent der Stimmen) für den ÖVP-nahen Wirtschaftsbund. Dessen Wiener Obmann, Wirtschaftskammer-Chef Walter Ruck, will seine Position halten. Der Bauunternehmer setzt auf die Sonntagsöffnung von Geschäften in Tourismuszonen und fordert die Internationalisierung Wiens (siehe Interview).

ROTE UNTERNEHMER

Mi Wir Karriere
Foto: Christoph Liebentritt

Auf Internationalität setzt auch der Sozialdemokratische Wirtschaftsverband (SWV). Allerdings in einer etwas anderen Form. Die rote Unternehmerliste, die bei der letzten Wahl fast 30 Prozent erreichte, will mit Hilfe migrantischer Wähler punkten. Immerhin weisen in der Bundeshauptstadt mehr als ein Drittel aller Unternehmer einen internationalen Background auf. „Auch wenn wir andere Wurzeln haben, sind wir Wiener Unternehmer“, sagt der gelernte Bäcker Cagdas Cankaya, der einen Handelsbetrieb führt. Ebenfalls für die rote Liste kandidiert die polnisch-stämmige Geschäftsführerin des Lokals „Utopia“, Patricia Matuszewski, sowie der in Tuzla geborene selbstständige PR- und Kommunikationsfachmann Darko Markovic. Gemeinsam wollen sie für die „kleinen“ Unternehmer und Ein-Personen-Unternehmen (EPU) etwas bewirken. Diese seien durch die ÖVP-nahe Führung in der Wirtschaftskammer zu wenig vertreten, ärgern sich die roten Kandidaten. Konkret fordert der Sozialdemokratische Wirtschaftsverband (SWV) daher eine bessere soziale Absicherung für Unternehmer. So sollte der Selbstbehalt bei Arztbesuchen fallen und Ein-Personen-Unternehmen und Chefs von Kleinbetrieben (bis fünf Arbeitnehmer) bereits ab dem 4. Tag der Arbeitsunfähigkeit Krankengeld beziehen können. Darko Marković hat zudem innerhalb der roten Unternehmer das Referat „Mi“ (auf Deutsch „Wir“) gegründet, um Unternehmern aus Bosnien, Kroatien und Serbien mehr Gewicht zu verschaffen. „Wir sind längst Teil der Wiener Wirtschaft und wollen auch Gehör finden“, sagt Markovic.

SUN-COMPANY FÜR GRÜNE
Allerdings finden sich auch beim Wirtschaftsbund etliche Kandidaten mit Migrationsbackground auf der Liste und wurden erst im Jänner groß präsentiert. Prominentester Kandidat der ÖVP-nahen Liste ist der kroatisch-stämmige Unternehmer Davor Sertic, der in Wien mit seiner Transportfirma UnitCargo höchst erfolgreich ist. Bei der Grünen Wirtschaft Wiens ist mit Sun-Company-Chef Hans Arsenović überhaupt gleich ein Österreicher mit serbischen Wurzeln der Chef. Der frühere Bundesheer-Offizier und Direktor einer Raiffeisenbank investiert seit Jahren viel Energie, um zu beweisen, dass Wirtschaft und Grüne Ideen kein Widerspruch sind. Arsenović hat früh erkannt, dass für die Grünen vor allem im urbanen Raum Selbständige eine wichtige Wählerklientel sind. Erstmals treten bei der Wahl neben den etablierten Fraktionen auch die Neos an – in Form der Liste „unternehmerisches Österreich (Unos)“. Besonders auffällig waren diese bisher allerdings nicht. Die komplexe Wahlordnung bei der Wirtschaftskammer macht es neuen Gruppierungen aber traditionell schwer. „Am ehesten entspricht das derzeitige System einer marxistischen Räterepublik der frühen Sowjetunion“, formulierte es einmal Volker Plass, Sprecher der Grünen Wirtschaft, recht heftig.

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