„Olympia war erst der Anfang“

09. September 2021

Shamil Borchasvili hat bei den Olympischen Spielen diesen Sommer für Österreich die Bronze-Medaille in Judo geholt. Der Welser Tschetschene erzählt uns im Interview, warum er im Olympischen Dorf niemanden getroffen hat, warum er Floyd Mayweather lieber als Khabib Nurmagomedov hat, und warum die Bronze-Medaille erst der Anfang war.

Von Aleksandra Tulej, Foto: Zoe Opratko

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

 

Shamil, du hast für Österreich die Bronze-Medaille in Judo geholt, die erste Judo-Medaille seit den 80ern. Wie haben deine Eltern reagiert?

Ich habe meine Mama kurz vor der Siegerehrung angerufen, das Telefonat hat aber nicht lang gedauert, weil sie voller Tränen war(lacht) 

Du bist ja in Tschetschenien geboren. Nach deinem Gewinn titelten alle möglichen Medien „der Österreicher Shamil Borchashvili gewinnt die Bronze-Medaille“ – wenn tschetschenischstämmige Österreicher mit negativen Schlagzeilen in den Medien sind, heißt es dann „der Tschetschene“. Siehst du dich als Österreicher oder als Tschetschene?

Ich bin in Österreich aufgewachsen, habe hier die HTL Maschinenbau abgeschlossen und meine Judo-Karriere habe ich auch in Österreich angefangen. meinen Eltern war von Anfang an wichtig, dass wir die Sprache lernen und uns gut integrieren. Ja, ich bin Tschetschene aber ich war seit 18 Jahren nicht mehr dort. Wir haben drüben gar nichts: kein Haus, kein Grundstück, gar nichts. Ich bin stolz, dass ich für Österreich die Medaille holen konnte – vor allem als Person mit Migrationshintergrund.

Du bist 2004 nach Österreich gekommen. Wann hast du die Staatsbürgerschaft bekommen? War das kompliziert?

Das weiß ich gar nicht mehr, Wir waren zuerst in Traiskirchen, dann beim roten Kreuz und dann an verschiedenen anderen Orten in Oberösterreich, bis wir dann nach Wels gezogen sind.

Wie schafft man es, so ein guter Judoka zu werden? Was braucht man dafür?

Wenn man so gut wie ich werden will, muss man Shamil heißen (lacht) Spaß! Jetzt im Ernst: Ich habe vieles meinem jüngeren Bruder zu verdanken, der will immer trainieren und motiviert mich zum Sport machen. Meinen Eltern war wichtig, dass mein Bruder und ich irgendeinen Sport machen, und es ist dann auf Judo gefallen. Ich habe 2004, gleich nachdem ich nach Österreich gekommen bin, begonnen, zu trainieren. Aber dass ich die Olympia-Medaille gewinne, war damals nicht geplant (lacht) Ich habe nach meiner Bundesheer-Grundausbildung begonnen, als Heeressportler zu trainieren, und für diese Möglichkeit bin ich sehr dankbar. Auch meine Cheftrainerin Yvonne Böhnisch hat mich extrem gut vorbereitet.

Wie war die Stimmung im Olympischen Dorf? Du warst zehn Tage dort, hast du dort jemanden berühmten getroffen?

Ich habe mir dort gar nichts angeschaut. Alles, was ich gemacht habe war: Essen, Training und dann ab ins Zimmer. Ich habe mich mit keinem getroffen. Ich habe einfach für mich alle Gegner und ihre Schwächen analysiert. Das erste, das ich gemacht habe, als ich in Tokio angekommen bin, war alle meine Social Medias zu löschen: kein Instagram kein Facebook, kein Whatsapp. Ich wollte keine „Viel Glück“-Nachrichten und keine Anrufe. Ich hatte mit keinem Kontakt, ich wollte mich nur auf den Wettkampf konzentrieren.

Das hat ja gut funktioniert. Du hast jetzt die Medaille in der Tasche - Was sind deine Pläne für die nächsten Monate?

Das ist erst der Anfang meiner Karriere. Ich mache ja erst seit drei Jahren Profisport. Vielleicht hole ich beim nächsten Mal ja Gold. Ich werde schauen, dass an meinen Schwachstellen arbeite.

Und was sind deine Schwachstellen?

Das werde ich dir nicht verraten, sonst wissen es die Gegner (lacht)

Aber das wirst du uns bestimmt verraten können: Wer ist dein Vorbild?

Floyd Mayweather. Ich feiere diesen Typen.

Nicht Khabib Nurmagomedov?

Nein, nicht Khabib. MMA ist für mich keine Sportart. Mayweather ist ein Boxer, er ist mental, technisch und koordinativ so stark, er ist mein absolutes Vorbild.

A propos Khabib - Das österreichische Medium exxpress.at hat ein Video veröffentlicht, auf dem du dich angeblich bei dem tschetschenischen Landesoberhaupt Ramzan Kaydrow bedankst. Was hat es damit auf sich?

Mich hat das sehr traurig gemacht, dass da so aufgegriffen wurde. Ich war an dem Wettkampf-Tag sehr emotional. Ich habe mich bei dem Verein Edelweiß (anm. d. Red.: ein Judo-Club in Tschetschenien) bedankt, dafür dass sie für mich mitgefiebert haben. Das war kein politscher Gruß, ich wollte mich einfach bedanken.

Was machst du eigentlich, wenn du gerade nicht trainierst?

Mein großes Hobby sind Maschinen, also vor allem Kawasaki. Meine Mutter hasst es (lacht). Ich musste leider meine Yamaha verkaufen, weil die Verletzungsgefahr zu groß war. Aber ich liebe es, mit meinen Freunden an deren Maschinen herumzubasteln.

Was wünscht du dir von Österreichs Nachwuchssportlern?

Mit meiner Medaille möchte ich den Nachwuchs motivieren. Wir haben in Österreich so viele talentierte Sportler, nur fehlt ihnen einfach der Glaube an sich selbst. Ich bin einer, der groß träumt. Ich schaffe alles, was ich mir vornehme, es ist nur eine Frage der Zeit. Es ist möglich, als Österreicher, wo Judo nicht so populär ist, wie in Japan oder Korea, etwas in der Disziplin zu erreichen. Ich hoffe, dass wir bei der nächsten Olympia dann mehr sind!

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