Polen, die Hölle der Frauen

02. Dezember 2020

Seit 22. Oktober 2020 beben die Straßen Polens. Man spricht von der größten Protestwelle seit 30 Jahren. Der Grund für die Streiks? Das ohnehin schon strenge Abtreibungsgesetz in Polen wurde nochmals verschärft. Doch was bedeuten die Proteste für polnische Frauen, die noch die Möglichkeit hatten, einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen?

Von Natalia Anders, Foto: Wojciech Grzedzinski

Foto: Wojciech Grzedzinski / laif / picturedesk.com
Foto: Wojciech Grzedzinski / laif / picturedesk.com

"Ich habe mich wie ein Leichensack gefühlt. Stell dir vor, du trägst einen Fötus in dir und musst dir dauernd bewusstmachen, dass er bald weg ist.“ Milena ist Mitte Dreißig, wohnt in der Nähe von Krakau und ist Mutter einer achtjährigen, autistischen Tochter. 2013 wurde sie zum zweiten Mal schwanger. Doch in der 13. Schwangerschaftswoche erreichte sie die Schocknachricht: Ihr Fötus hatte Trisomie-21 und einen starken Herzfehler – Seine Überlebenschancen waren sehr gering. Sollte das Baby überleben, wäre es sein ganzes Leben lang schwer beeinträchtigt und ans Bett gefesselt.

„Wenn mir jemand sagen würde, dass eine Abtreibung eine Entscheidung ist, die man einfach so trifft, dann würde ich so einer Person ins Gesicht spucken. Das war die schlimmste Entscheidung, die ich je in meinem Leben fällen musste.“, erzählt Milena.

BIS 1993 WAR ABTREIBUNG IN POLEN LEGAL UND LEICHT ZUGÄNGLICH

Als Milena schwanger war, war in Polen bereits seit zwanzig Jahren ein strenges Abtreibungsgesetz in Kraft. Im Jänner 1993 wurde das Gesetz in Polen zum ersten Mal verschärft – auf Forderung der Katholischen Kirche und des damaligen Papstes Johannes Paul II. Bis dahin, also vor Jänner 1993, durften Frauen, die in „schwierigen Lebenslagen“ waren, einen legalen Schwangerschaftsabbruch durchführen. Ab der Gesetzesänderung war eine Abtreibung nur mehr im Falle einer Vergewaltigung, bei Lebensgefahr der Mutter oder schweren Missbildungen des Fötus erlaubt. Seitdem die rechtskonservative PiS-Partei in der polnischen Regierung ist, hat sie versucht, dieses Gesetz zu verschärfen und Abtreibungen quasi unmöglich zu machen. 2016 fand die erste Protestwelle polnischer Frauen gegen eine Verschärfung, namens „czarny protest“ (dt. schwarzer Protest) statt. Diese war so erfolgreich, dass die das Gesetz damals nicht geändert wurde. Am 22. Oktober 2020, vier Jahre nach dem schwarzen Protest entschied sich die Regierung nun ultimativ für eine Verschärfung des restriktiven Abtreibungsgesetzes. Dieses verbietet Schwangerschaftsabbruch auch bei einer starken Fehlbildung des Fötus. Die PolInnen wollen sich das nicht gefallen lassen und gehen nicht nur in Polen, sondern weltweit auf die Straßen, um am Streik der Frauen teilzunehmen. Milena ist eine davon. Bei ihr war die Abtreibung 2013 noch möglich:

„SIE MÜSSEN DEN TOTEN FÖTUS SELBST MITNEHMEN UND BEGRABEN“

Da der Fötus schwere Fehlbildungen aufwies, fiel Milenas Fall unter die Ausnahmeklausel. Als sie sich zusammen mit ihrem damaligen Partner für einen Abbruch entschied, musste sie zuerst alle fehlenden Untersuchungen vor der Behandlung durchführen. Glücklicherweise hatte sie zu ihrer Frauenärztin einen guten Draht und wurde richtig beraten. So wusste sie, zu welchen Spitälern und Labors sie fahren musste, um alle nötigen Untersuchungen zu bekommen. Ein Beratungsgespräch oder psychologische Unterstützung hat Milena, obwohl sie es sich gewünscht hätte, nicht bekommen. Am Tag vor der Abtreibung feierte ihre Tochter gerade ihren ersten Geburtstag. Milena organisierte eine Geburtstagsfeier, es kamen viele FreundInnen und Verwandte zum Feiern. Am nächsten Morgen, im Spital angekommen, wurde Milena zum Ersten Mal genau über den Eingriff informiert. Sie bekam ein Medikament verabreicht, das eine Fehlgeburt hervorrufen sollte. Während sie auf die Wehen wartete, wurde sie in den gleichen Raum mit frischgebackenen Müttern verlegt. Sie war die einzige Frau, die wegen einer Abtreibung da war. „Alle haben gewusst, wieso ich da bin. Angesprochen hat es natürlich niemand.“ Nach stundenlangem Warten ging es dann los. Da sie vor der eingeleiteten Fehlgeburt Beruhigungstabletten eingenommen hat, kann sich Milena nicht genau an den Eingriff erinnern. Von der Fehlgeburt selbst hat sie kein Trauma. Was sie jedoch nie vergessen wird: „Ich habe an dem Tag einen leblosen Fötus auf die Welt gebracht. Den Fötus habe ich nicht gesehen. Das wollte ich aber auch nicht. Es wäre zu viel für mich gewesen.“ Zwölf Stunden nach der Fehlgeburt wurde Milena aus dem Spital entlassen. Die Hebamme hat ihr mitgeteilt, dass sie den Fötus selbst mitnehmen und begraben muss. Gleich nach dem Krankenhausaufenthalt musste sie mit ihrem damaligen Partner zum Standesamt fahren, dort wurde dem Fötus eine Geburts- und Sterbeurkunde ausgestellt. Sie musste dem Fötus einen Namen geben, hat sein Geschlecht erfahren und ihn beerdigen. Auf dem Grab steht der Vor- und Nachname des Fötus. Besucht hat sie es nie, ihr Ex-Partner pflegt es. „Mir kommt es vor, als wäre das Grab eine Erinnerung an meine Schandtat. Ich möchte an diese schreckliche Zeit in meinem Leben nicht erinnert werden.“, so Milena.

KEINE UNTERSTÜTZUNG VOM POLNISCHEN STAAT

Den Schwangerschaftsabbruch versuchte Milena so schnell wie möglich zu vergessen. Der Fakt, dass sie eine kleine Tochter hat, um die sie sich kümmern muss, hilft ihr noch heute dabei. Die Beziehung mit ihrem damaligen Partner und dem Vater ihrer Tochter zerbrach einige Monate nach dem Schwangerschaftsabbruch. Milena meint, ihre Beziehung war damals einfach nicht stark genug, um die traumatische Situation zu bewältigen. Als Milenas Tochter drei Jahre alt war, wurde bei ihr Autismus diagnostiziert. Sie bedarf besonderer Aufmerksamkeit und Pflege, was für Milena als alleinerziehende Mutter eine Herausforderung ist. Sie erzählt, dass sie vom polnischen Staat fast keine Unterstützung bekommt und quasi auf sich alleine gestellt ist. In Polen bekommt man als Elternteil eines behinderten Kindes bis zu seinem 5. Lebensjahr monatlich umgerechnet 24 Euro, später 31 Euro als finanzielle Unterstützung vom Staat. Dieses Geld reichte Milena nicht einmal, um die hohen Benzinkosten, die sie hatte, weil sie ihre Tochter jeden Tag in einen Sonderkindergarten fahren musste, der sechzig Kilometer entfernt war, zu begleichen. Sie selbst verdiente zu dem Zeitpunkt nur etwas mehr als den Mindestlohn, der in Polen bei circa 400 Euro liegt. „Als meine Tochter die Diagnose bekam und ich alleine mit ihr war, wusste ich: Ich hätte es einfach nicht geschafft, mich in dieser Zeit noch um ein zweites Kind zu kümmern, das – falls es die Geburt überlebt hätte –  sein ganzes Leben lang vor sich hinvegetieren müsste.“ Rückblickend gesehen findet Milena nicht, dass der Schwangerschaftsabbruch die richtige Entscheidung war. In diesem Fall gab es kein „Richtig“ oder „Falsch“. Sie hat sich für das geringere Übel entschieden.

„WOLLTE KEINEN GEGENSTAND GEBÄREN“

In einer ähnlichen Situation war 2008 auch Sylwia aus Kattowitz. Sie war gerade einmal 28 Jahre alt, als sie zum zweiten Mal schwanger wurde. Bei einer Ultraschalluntersuchung wurde festgestellt, dass der Fötus so stark missgebildet ist, dass er keine Überlebenschancen hat. Zu diesem Zeitpunkt war sie in der 16. Schwangerschaftswoche und beschloss, abzutreiben. Nach ihrem Schwangerschaftsabbruch im Krankenhaus riet ihr ihr Frauenarzt, sie soll mindestens zwei Jahre warten, bis sie und ihr Partner noch einmal probieren, schwanger zu werden. Zwei Jahre später wurde Sylwia erneut schwanger. In der 20. Schwangerschaftswoche bekam sie wieder die Schreckensnachricht übermittelt: Auch dieser Fötus war so stark missgebildet, dass er keine Chancen zu überleben hatte. Sie beschloss, wieder einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu lassen. Sie hatte Glück im Unglück – Hätte sie von der Missbildung einige Tage später erfahren, könnte sie keine legale Abtreibung mehr durchführen. Im Krankenhaus angekommen wurde ihr ein Medikament verabreicht, dass den Gebärungsprozess einnehmen sollte. Sylwias Fruchtblase platzte, sie hatte Wehen, aber es passierte nichts mehr. Also wird der Fötus ausgeschabt. „Mein Körper hat sich einfach gegen das Medikament gewehrt. Ich habe ihnen gesagt, dass ich keine Gegenstände gebären werde. Mein Körper hat sich durchgesetzt und ich musste den Fötus nicht gebären.“, so Sylwia. Ähnlich wie Milena wurde auch Sylwia nach ihrem Schwangerschaftsabbruch in denselben Raum verlegt wie Frauen, die gerade ihre Kinder auf die Welt gebracht haben. „Das schlimmste an diesem Tag“, so Sylwia, „war die Zeit nach der Abtreibung.“ Ich lag neben jungen Müttern, die erst ihre Kinder bekommen haben. Ich habe mich einfach gedemütigt gefühlt, obwohl ich diejenige war, die gerade den größten Schicksalsschlag hatte.“ Da Sylwia genauso wie Milena ein kleines Kind hat, hilft es ihr dabei, den Schwangerschaftsabbruch so schnell wie möglich zu vergessen. „Es war eine schwere Zeit. Aber ich musste stark bleiben. Zumindest für mein Kind.“, so Sylwia. Zwei Monate nach ihrer Abtreibung wurde Sylwia noch einmal schwanger – obwohl ihr Arzt ihr davon abgeraten hat. Ihre vierte Schwangerschaft verlief ohne Komplikationen und Sylwia bekam eine gesunde Tochter.

WARUM DIESE VERSCHÄRFUNG LEBENSGEFÄHRLICH FÜR SCHWANGERE SEIN KANN

Laut einer offiziellen Statistik Polens wurden 2019 circa 1100 legale Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt – 97 Prozent der Abbrüche aufgrund einer Missbildung des Fötus. Zum Vergleich wurden in Österreich laut dem Parlament 2019 zwischen 30.000 und 35.000 Abtreibungen durchgeführt. Während Österreich circa 8,86 Millionen EinwohnerInnen hat, leben in Polen ungefähr 38 Millionen Menschen. Die Dunkelziffer in Polen, also die illegal durchgeführten Abtreibungen werden laut Zeit.de auf über 150.000 geschätzt. Doch ExpertInnen warnen: Die Gesetzesverschärfung wird nicht dazu führen, dass in Polen nicht mehr abgetrieben wird. Sie wird nur dazu führen, dass Schwangere dazu verpflichtet werden, illegal abzutreiben. Die, die es sich leisten können und die Möglichkeiten haben, können dies sicher im Ausland machen. In Nachbarsländern wie der Slowakei, Tschechien oder Österreich. So kommen pro Jahr rund 250 Polinnen allein in eine Wiener Klinik am Mariahilfergürtel, um dort abzutreiben, wie biber 2017 bereits berichtete. Schwangere die dieses Privileg nicht haben, könnten versuchen selbst abzutreiben und unsichere Methoden, die sie im schlimmsten Fall auch ihr Leben kosten könnten, in Anspruch nehmen. 

„EIN KAMPF POLENS“ 

Auch Sylwia besucht seit Beginn der Streikwelle fast alle Demonstrationen in ihrer Stadt Kattowitz. Sie sieht den Streik schon lange nicht mehr nur als Protest gegen die Verschärfung des Abtreibungsgesetzes. Für sie ist der Streik ein Kampf der polnischen Bevölkerung gegen ihre Regierung. Nachdem Milena einen systemrelevanten Beruf hat und im Krankenhaus arbeitet, kann sie aufgrund der derzeitigen Situation nicht an den Protesten teilnehmen. „Ich fühle mich jeden Tag schuldig, wenn ich von der Arbeit nach Hause fahre. Ich würde gerne an den Protesten teilnehmen, aber mein Job lässt es nicht zu. Es bricht mir das Herz zu wissen, dass meine Tochter und andere junge Frauen nicht mehr dieselben Möglichkeiten haben wie ich.“, so Milena. Von den Protesten und von der Regierung erhoffen sie sich, dass die Verschärfung des restriktiven Gesetzes zurückgezogen wird. Doch sie sind pessimistisch und haben kein Vertrauen in die Regierung. „Ich habe mir vor einem Jahr die Kupferspirale einsetzen lassen. So lange das noch geht. Wer weiß, welche verrückten Ideen die Regierung noch hat. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie bald alles, was mit Selbstbestimmung des weiblichen Körpers, zu tun hat, verbieten.“, erzählt Milena. Milena erhofft sich außerdem, dass die Betreuung nach den Schwangerschaftsabbrüchen besser wird. Sie wünscht sich Unterstützung vor allem für die Zeit nach der Abtreibung. „Jemand, der sich statt mir um den abgetriebenen Fötus kümmert und das Begräbnis organisiert. Damit alleine gelassen zu werden, war eine schreckliche Erfahrung.“, so die Polin.  „Ich habe eine kleine Tochter und ich möchte, dass sie einmal zu einer starken, intelligenten Frau wird, die über sich selbst bestimmt. Es bricht mir das Herz, wenn ich mir vorstelle, dass sie einmal nicht dieselben Möglichkeiten haben wird, wie ich.“, so Milena.

 

Zur Autorin: Natalia Anders ist 21 Jahre alt. Sie ist in Polen geboren und studiert Publizistik und Romanistik im Bachelor an der Uni Wien. Natalia ist Redaktionsassistentin bei medien.geil – einer Plattform für JungjournalistInnen. In ihrer Arbeit befasst sie sich mit Themen wie Empowerment anderer junger JournalistInnen, polnischer Politik und Migration. 

 

Dieser Artikel ist Teil des biber-Empowerment-Specials "Du bestimmst. Punkt."  Junge Frauen aus den Communities berichten im Rahmen des Projektes darüber, wie sie für Selbstbestimmung kämpfen. Das Projekt wird durch den Österreichischen Integrationsfonds finanziert. Die Redaktionelle Verantwortung liegt allein bei biber. 

Hier findet ihr die anderen Artikel, die im Rahmen des Projektes entstanden sind:

 

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