Von Belgrad nach Katar

06. März 2015

Sie sind schön, lächeln stets, bereisen die ganze Welt und werden dafür auch noch bezahlt: Der „Traumjob“ Stewardess ist vor allem bei jungen Frauen aus Ex-Jugoslawien begehrt. Immer mehr bewerben sich bei Airlines der arabischen Emirate in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Von Melisa Erkurt

„Ich habe mir die Haare dreimal gefärbt, habe ich ohne Naturhaarfarbe Chancen auf den Job?“, „Letztes Jahr wurde mein Backenzahn gezogen, ist das ein Grund, mich nicht zu nehmen?“, „Soll ich mir die Muttermale im Gesicht entfernen lassen?“ In der Facebook-Gruppe „Buduci stjuarti i stjuardese“ (Deutsch: „Zukünftige Stewards und Stewardessen“), die über 5000 Mitglieder fasst, tauschen sich junge Stewardessen aus Ex-Jugoslawien und die, die es werden wollen, bis ins kleinste Detail gegenseitig aus. Denn die Airlines der Emirate, für die sie sich bewerben, haben den Ruf streng zu sein. Trotzdem ist der Job als Stewardess bei arabischen Fluggesellschaften wie Qatar Airways, Etihad und Emirates bei jungen Menschen aus Ex-Yu begehrt. Kein Wunder, bei einem Jahresgehalt von ungefähr 19.400€ netto - das ist vor allem für die Verhältnisse von „unten“ ein Vermögen. Denn offiziellen Angaben zufolge liegt das Durchschnittsgehalt in Bosnien bei 420€ im Monat, in Serbien bei 380€. Tatsächlich verdienen die meisten Bosnier und Serben aber 250-300€ monatlich.
So ist es vorwiegend das Geld, das den Job als Stewardess in den Emiraten begehrt macht. Die Zahl der Bewerber spricht für sich, allein „Emirates“ erhält nach eigenen Angaben jährlich mehr als 400.000 Bewerbungen aus über 200 verschiedenen Ländern. Emirates beschäftigt zurzeit 500 Stewards und Stewardessen serbischer Nationalität. Zum Vergleich: Aus Österreich kommen etwa 120 der Emirates Mitarbeiter.

Stewardess
bereitgestellt
Keine männlichen Besucher

Auch Marija ist in der Facebook Gruppe der angehenden Stewardessen, sie hat zwei Jahre für Qatar Airways gearbeitet.

Marija weiß von den Vorteilen, die der Job als Stewardess in reichen arabischen Ländern bringt: „Ich kenne Frauen, die konnten sich mit dem was sie in fünf, sechs Jahren in dem Job gespart haben, eine Wohnung kaufen.“ Denn neben dem großzügigen Gehalt, übernehmen die arabischen Airlines die Ausgaben für Unterkunft und Nebenkosten. Außerdem bereist man ferne Länder, wohnt in 5* Hotels und erhält günstige Flugtickets für Familie und Freunde. Doch in einem streng muslimischen Land zu leben ist für die Europäerinnen auch eine große Umstellung. „Auf den Straßen von Katar sieht man wenige Frauen, die meisten sind vollkommen verschleiert. Für Stewardessen gibt es strenge Regeln. Stewardessen dürfen in ihren Unterkünften keine männlichen Besucher übernachten lassen“, erzählt Marija. Es gibt Securitys, die vor dem Wohnhaus stehen und das streng bewachen. Hält man sich nicht an die Regeln, droht die Kündigung. Auch das äußere Auftreten der Stewardessen ist geregelt: Keine sichtbaren Tattoos, Narben oder Piercings. Nur ein Ohrring pro Ohr ist erlaubt. Neben den strengen Vorschriften können auch die Fluggäste zur Belastung werden. „Vor allem mit asiatischen Passagieren habe ich schlechte Erfahrungen gemacht. Sie drücken ständig die „call bell“ und rufen: „Sister, sister, give me water.“ „Manche haben mich sogar an der Hand gezogen, damit ich sie bediene“, sagt Marija. Sie ist mittlerweile zu „Air Serbia“, die seit 2013 zu 49 Prozent „Etihad“ gehört, gewechselt, obwohl sie dort deutlich weniger verdient. Doch bei Air Serbia wird ihr die Arbeit zumindest als Beschäftigungszeit für die Pension angerechnet.

Fly with me

Tea ist seit drei Jahren Stewardess bei Emirates. Auf ihrer Facebook-Seite „come fly with me“ teilt sie ihre Erfahrungen aus dem Job. Mit Emirates bereiste die 28-Jährige bereits die ganze Welt, manchmal ist sie in einem Monat auf vier verschiedenen Kontinenten. Doch viel wichtiger als das Reisen ist für sie, dass sie durch den Job als Stewardess ihre Familie in Kroatien finanziell unterstützen kann. Nach monatelanger, erfolgloser Jobsuche in Zagreb, bewarb sich Tea zu allen möglichen Stellenanzeigen, so auch bei Emirates. Einen Tag vor dem „Open Day“ der Airline musste sie erst einmal googeln, was eine „Cabin Crew“ überhaupt ist.

Zum „Open Day“ kann jeder kommen und seinen CV vorlegen. Die, die gefallen, werden zum „Assessment Day“ am nächsten Tag eingeladen. Hier werden sowohl die Englischkenntnisse der Bewerberinnen getestet, als auch ihre Nervenstärke durch psychologische Spiele auf die Probe gestellt. In den nächsten Wochen erhalten die auserkorenen Bewerberinnen einen Anruf und schon geht es mit der Einschulung los.

Sicheres Dubai

Stewardess
bereitgestellt
Die Bewerbungsprozeduren finden meist in den Hauptstädten Zagreb, Belgrad und Sarajewo statt. Junge Leute kommen also auch von weit hergereist, geben viel Geld für Fahrt und Unterkunft aus, um sich bei den Fluglinien zu bewerben. Tea weiß, wieso der Job als Stewardess bei den Airlines arabischer Emirate immer begehrter bei ihren Landsleuten wird: „Für die Verhältnisse ärmerer Länder ist das Gehalt ein Vermögen. Die einen versorgen mit dem Geld ihre gesamte Familie, die anderen genießen ihre Unabhängigkeit und verprassen ihr Gehalt sofort.“ Außerdem bietet der Job Aufstiegsmöglichkeiten, die es am Balkan ohne Connections nicht gibt. „Du kannst als Stewardess anfangen und dich hocharbeiten“, sagt Tea. Bei über zwei Millionen Arbeitslosen am Balkan ist das durchaus eine Option.
Neben dem beruflichen Vorankommen entwickelt sich auch die Persönlichkeit weiter: „Wenn ich mich in Zagreb mit alten Freundinnen treffe, merke ich erst, wie sehr ich mich verändert habe. Ich bin viel selbstständiger und mutiger geworden. Ich bin weltoffen und habe Verständnis für andere Kulturen und Religionen.“ Die 28-Jährige respektiert die Gesetze Dubais, dem Hauptsitz von Emirates. „Ich fühle mich nirgends so sicher wie in Dubai. Als Frau wird man zuvorkommend behandelt, es gibt eigene Frauentaxis und Frauenabteilungen im Bus“, erzählt die Stewardess.

Arbeiten statt jammern

Doch viele Medien berichten von den negativen Seiten als Stewardess bei Fluglinien arabischer Emirate: Knebelverträge, schlechte Unterkünfte, unzureichende Sicherheitsmaßnahmen fürs Bordpersonal – die Gerüchte kursieren auch in der Facebook-Gruppe der angehenden Stewardessen. Ein paar der Bewerberinnen sind verunsichert, doch eine ihrer erfahrenen Kolleginnen gibt Entwarnung: „Leute, in jedem Job gibt es Pros und Kontras. Fakt ist, ihr findet daheim niemals einen so gutbezahlten Job, bei dem ihr die Welt bereist. Also bewerbt euch oder bleibt zuhause sitzen und jammert weiter, wie schlecht eure Situation ist.“

 

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