Was guckst du?

06. Oktober 2011

Austro-Türken sehen mehr fern als Österreicher. Und besonders gern schauen sie türkische Serien. Diese zeigen nicht nur tragische Liebesgeschichten, sondern auch das Liebesleben des Sultans oder die Jagd auf Mafiosi.

Von Ali Cem Deniz und Lucia Bartl (Fotos)

Sefa arbeitet in einem türkischen Café und wenn „Tal der Wölfe“* läuft, sitzen mehr als 50 Männer vor dem Fernseher. „Da geht es ärger zu als bei einem Fußballmatch“, sagt er. „Das gibt’s nirgends sonst auf der Welt.“ Die Serie handelt von Mafiosi, Verschwörungen und ausländischen Geheimdiensten. Sie ist vor allem bei Männern beliebt. Sefa hat beobachtet, dass manche Gäste unter dem Eindruck der coolen Mafiosi ihren Gang verändern. Und sie bestellen sogar ganz anders. Leute, die Sefa normalerweise freundlich um zwei Tee bitten, schnauzen ihn fast an, wenn die Serie läuft: „Sefa, schnell zwei Tee!!!“ Sefih, ein junger Arzt, besucht hingegen immer seine Familie, wenn er Serien schauen will. Der Fernseher läuft dann bis um zwei in der Früh. „Die Serien vermitteln ein Heimatgefühl“, sagt er. „Wenn türkische Familien Serien schauen, ist das so, wie wenn österreichische Familien gemeinsam ein Bier oder ein Achterl trinken gehen.“ Außerdem sorgen die Serien für Gesprächsstoff innerhalb der Famile, erzählt er, weil es oft um gesellschaftliche Themen geht.

 

 


Türken gucken öfter

Eine Studie des Österreichischen Migrationsfonds stellte 2010 fest, dass türkischstämmige Migranten mehr fernsehen als andere Bevölkerungsgruppen. Mehr als drei Viertel schauen täglich ein türkisches Programm, während weniger als ein Viertel deutschsprachige Sender nutzen. Jugendliche und in Österreich geborene Türken switchen allerdings zwischen deutschsprachigen und türkischen Sendern hin und her. Osman betreibt eine türkische Bar und schaut vor allem türkisches TV. „Meine Ehefrau und ich verpassen keine Serie“, sagt er. Besonders freut ihn, dass in den türkischen Soaps Volksmusik zu hören ist. „Ohne die türkischen Serien würde die türkische Volksmusik aussterben!“

Im Schlafzimmer des Sultans
Noch besser als die Lieder sind aber Sexszenen. Früher reichte es, wenn sich ein Liebespaar küsste. Heute braucht jede erfolgreiche Serie Sexszenen. Die sorgen immer wieder für viel Aufregung und hohe Zuschauerzahlen. Zeitungen berichten tagelang über die nackten Tatsachen, Politiker äußern ihre Bedenken und auf Youtube bekommen die Sexszenen, die „frikiks“, Hunderttausende Klicks. Die Osmanen-Serie „Muhteşem Yüzyıl“ (siehe Infobox) erreichte mit heißen Szenen aus dem Schlafzimmer des Sultans hohe Einschaltsquoten.

Die langen Folgen und das dicht besetzte Programm können natürlich auch für Konflikte sorgen. „Meine Ehefrau und ich streiten uns manchmal wegen Tal der Wölfe. Sie will das nicht schauen“, sagt Yılmaz, der eine Druckerei besitzt. In vielen türkischen Wohnungen gibt es deshalb mehrere Fernseher. Für Yılmaz kommt das aber nicht infrage. „Die Familie soll zusammensitzen und gemeinsam an etwas teilhaben“, sagt er. Bei der Vielfalt des Programms kann es schon schwierig werden, sich auf eine Serie zu einigen. Klassische Gassenfeger erreichen zwar immer noch hohe Zuschauerzahlen. Für alle, die sich nicht für exzessiv geschminkte Frauen oder altmodische Väter interessieren, gibt es aber mittlerweile Alternativen: Arztserien, Polizeiserien, Sitcoms oder Mystery-Serien mit religiösen Inhalten.

 

 

Gegen den Trend
Özge, eine 22-jährige Grafikerin, hat sich diesem Trend nicht angeschlossen. Sie lebt mit ihren Eltern, teilt aber deren Begeisterung für die türkischen Soaps nicht. Lieber schaut sie amerikanische Serien auf ORF oder PRO 7. In ihrem Zimmer steht ein eigener Fernseher. Und was hält sie von deutschen und österreichischen Produktionen? Sie verzieht ihr Gesicht und sagt: „Die sind noch blöder als die türkischen Soaps.“ Die einzigen türkischen Serien, die sie schaut sind die Soap „Dudaktan Kalbe“ (Von den Lippen in die Herzen) und die erfolgreiche Sitcom „Avrupa Yakası“ (Das europäische Ufer). Diese schaut sie aber im Internet, so wie viele andere, die ihrer Leidenschaft auf Youtube & Co. nachgehen.

Angefangen hat der Serien-Boom mit „Yabancı Damat“ (Der fremde Bräutigam). Es ging um ein türkisches Mädchen aus einer konservativen, anatolischen Familie, die einen Griechen heiratet. Einige Szenen waren sogar auf Griechisch mit türkischen Untertiteln und es dauerte nicht lange bis die Serie auch in Griechenland ausgestrahlt wurde. Mit „Yabancı Damat“ wurden türkische Serienproduzenten auf das Exportpotenzial der Serien aufmerksam. Mittlerweile werden türkische Soaps in 42 Ländern ausgestrahlt. 2010 brachte das Einkünfte von 50 Millionen Dollar. Wenn es so viel Nachfrage nach türkischen Serien gibt, wieso sieht man dann eigentlich keine im ORF? Die Idee sei zwar immer wieder aufgekommen, heißt es auf Anfrage beim ORF, Konkretes wurde aber bisher nicht unternommen. Damit scheint es so zu bleiben, wie es derzeit ist: Wenn sich die Familien im Wohnzimmer versammeln und die Männer im Café, werden sie türkisches Satellitenfernsehen einschalten.

 

* Aus der 2003 produzierten Serie entstanden ab 2006 vier Kinofilme. Der vierte Teil „Tal der Wölfe – Palästina“ (2011) erregte aufgrund antisemitischer Inhalte in ganz Europa mediales Aufsehen. In Deutschland durfte der Film gar nicht ausgestrahlt werden. Derarige Vorwürfe musste sich die Serie bis jetzt nicht gefallen lassen, kritische Stimmen – vor allem aus der Türkei – sagen ihr aber einen nationalistischen Charakter nach.

 

Die türkischen Top Five

Fatmagülün Suçu Ne? (Was war Fatmagüls Fehler?)                       
In der ersten Staffel wird Fatmagül von vier jungen Männern vergewaltigt. Kerim, ein junger Mann aus dem Dorf, war berauscht von Alkohol und Drogen und tat nicht mit, verhinderte die Tat aber auch nicht. Kerim kämpft mit seinem Gewissen und um die Liebe Fatmagüls. Sie kämpft mit ihrem Trauma und mit der türkischen Justiz. Jetzt kommt die zweite Staffel.

 

Muhteşem Yüzyıl (Das prächtige Jahrhundert)
Das Osmanische Reich erlebt ein Revival. Für Actionfans bietet die Serie auch Kampfszenen aus berühmten, historischen Schlachten.  Die Ereignisse sind nicht historisch korrekt, umso spannender sind die Intrigen um den Sultan Süleyman. Er wird als ewiger Playboy dargestellt, was in der Türkei für heftige Diskussionen gesorgt hat. Sogar Premierminister Erdoğan äußerte Kritik. Eine der beliebtesten Serien im türkischen TV!

 

Öyle Bir Geçer Zaman ki (Wie die Zeit vergeht)
Der psychotische Kapitän Ali heiratet die Deutsche Caroline (gespielt von Wilma Elles). Seine erste Frau Cemile und die vier Kinder aus dieser Ehe lässt er im Stich, will dann aber Cemile zurückgewinnen. Die Serie spielt in den 1960er-Jahren. Von den Autos bis zur Unterwäsche wird auf jedes Detail geachtet. Die politischen Konflikte zwischen den Studenten der 60er-Jahre werden eher am Rande behandelt.

 

Kuzey Güney (Nord-Süd)                                                       
Der Brad Pitt des Nahen Ostens ist zurück! Kıvanç Tatlıtuğ revolutionierte in den arabischen Ländern Schönheitsideale und garantiert im türkischen Fernsehen Zuschauerrekorde. Er spielt den Bad Boy Kuzey (Nord), der sich mit seinem Bruder Güney (Süd) in den Haaren liegt. Beide leiden unter dem autoritären Vater und an ihrer Liebe zur gleichen Frau. Endlich eine Serie, die nicht synchronisiert wird. Eine klare Empfehlung!

Leyla Ile Mecnun (Leyla und Mecnun)                                    
Als absurde Komödie von den Kritikern hochgelobt, wurde der Geheimtipp zum Serienhit. Die witzige Liebesgeschichte rund um Leyla und Mecnun bietet alles: Weltuntergänge,  Parallelwelten und unvergessliche Reisen durch Zeit und Raum. Der erfolglose Student Mecnun versucht jede Folge aufs Neue seine geliebte Leyla zu erobern. Aktuell läuft die zweite Staffel.

 

Typische Dialoge 1

Süleyman: Hürrem?

Hürrem: Mein Herrscher. (küsst die Hand und zieht anschließend einen Dolch heraus)

Süleyman: Willst du mir das Leben nehmen?

Hürrem: (richtet den Dolch auf sich selbst) Solange du mit anderen Frauen zusammen bist, sterbe ich jeden Tag aufs Neue, Süleyman. Töte mich! Jetzt, sofort. Töte mich. (drückt den Dolch so fest zusammen, dass sie zu bluten anfängt)


Was mit Hürrem passiert, erfährst Du in der Fortsetzung.

 

 

Typische Dialoge 2                  

Kerim: Lüg mich nicht schon wieder an. Mach mich nicht verrückt!

Fatmagül: Ok, ich sage es dir, aber versprich mir, dass du nicht wütend wirst.

Kerim: Was ist das? Hat das dieser Typ geschrieben? War er etwa hier? (Ex-Verlobter von Fatmagül)


Fatmagül: Es ist aber nichts passiert.

Kerim: Und du hast ihn auch noch bedient. (Fatmagül ist Kellnerin im Restaurant)

Fatmagül: Bitte schrei mich nicht an!

Kerim: Und du hast ihn noch bedient!

Fatmagül: Was hätte ich tun sollen, es waren Kunden anwesend. Er ist nur kurz hier gesessen und dann war er weg.

Kerim: Wo ist er gesessen? Etwa hier? (Schmeißt einen Sessel um) Oder hier? Oder hier? Oder hier?!! (Wutanfall: schmeißt alle Tische und Sessel um)

Fatmagül fängt an zu weinen an.

Kerim: Er konnte dir so nahe kommen und du hast mir nicht davon erzählt?

Fatmagül: Weil ich wusste dass du so reagierst. Das ist genau das, was er will. Er will dich provozieren. Das ist, was er will! Er will uns voneinander trennen!


Von Ivana Martinović

Wenn die Diaspora auf Heimaturlaub in ihre Balkandörfer fährt und die Straßen und Dorfkneipen menschenleer sind, läuft bestimmt eine brasilianische oder türkische Telenovela. Und wenn du als Besucherin rufst „Bin wieder da!“, wirst du gleich auf die Couch zum Mitschauen verbannt. Dann kann’s aber passieren, dass du selbst in die Sucht hineinkippst und am Ende des Heimaturlaubs auf dem Bazar stehst, um schwarz gebrannte DVDs zur Serie zu kaufen – zum Anschauen in Österreich.

Die erste war Isaura
Die Geschichte in brasilianischen Seifenopern ist einfach. Armes Mädchen und reicher Mann verlieben sich in einander. Dramatik pur mit Intrigen und Liebeskummer – das Zuschauerherz schmilzt dahin. Im ehemaligen Jugoslawien sah man das erstmals Ende der 1980er bei der Sklavin Isaura, die sich in den Sohn ihres Gutsherren verliebte. Verbotene Liebe und Spannung garantiert. Danach war Funkstille und der Krieg brach aus.

Dann kam Esmaralda

Nach dem Krieg ging es brasilianisch weiter: „divlja ruža“ (Wilde Rose), Esmeralda, Marisol, die verfluchte Marijana und noch viele mehr. Auch das Dorfleben schien dadurch beeinflusst zu sein. Einige Dorfomas sollen die Serien ziemlich ernst genommen und die Handlungen aus diesem fremden Land Brasilien für die Realität gehalten haben, erzählt man sich. Für eine – in der Serie – erblindete Hauptdarstellerin wurde Geld gesammelt, um eine Operation zu bezahlen. Andere Omas demonstrierten, weil einer Serienheldin die Gefängnisstrafe drohte. Auch bettelnde Kinder wollten von den Serien profitieren. „Du bist so schön wie Esmaralda“, sagten sie, um an Geld zu kommen.

Jetzt sind die Türken da
Seit etwa zwei Jahren haben die Türken den Balkan erobert so wie Şehrazat und ihr Liebster Onur aus „1001 Nacht“. Sogar so sehr, dass die jetzt in Kroatien fette Werbeverträge bekommen haben. Andere türkische Seifenopern, wie „Ezel“, „Gümüş“, „Leidenschaft des Orients“ und „Asi“ sind auch der Renner. Die brasilianischen Telenovelas flimmern zwar immer noch als Wiederholungen über die Fernsehschirme, aber die türkischen Serien haben ihnen eindeutig den Rang abgelaufen. Jetzt heißt es aus dem Mund vieler Balkanesen: „Du bist so schön, wie Şehrazat“ und „Seni seviyorum, Onur!“

 


Details über die Seifenopern auf www.sapunice.net
(sapunice= Seifenopern)

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