Wie ein Jugo sein Studium abschließt.

20. Dezember 2018

Es ist Sommer 1993. Wir befinden uns in Niederösterreich. Ich bin vier Jahre alt und meine Mutter, die studierte technische Chemikerin, ist Flüchtling und Putzfrau. Meine Mutter schrubbt den Boden. Sie schwitzt, Strähnen hängen ihr ins Gesicht und sie atmet schwer. Ich merke, dass sie erschöpfter ist als sonst und bleibe bei ihr. 

von Emir Dizdarevic

„Emir, meine Seele“, sagt sie. „Kannst du der Mama bitte den Putzfetzen von dort drüben geben?“ Ich hole ihr den Fetzen und sage: „Mama, für dich tue ich alles.“ (bosnisch: Mama, za tebe sve.") Meine Mutter beginnt zu weinen, umarmt mich und küsst mir die Wangen. „Mamas Seele“, sagt sie immer und immer wieder.

Meine Mutter schickt mich nach der Volksschule ins Gymnasium. Mein Vater will, dass ich eine Lehre mache. Sie setzt sich gegen ihn durch. Ich bin der einzige Migrant in meiner Klasse in Niederösterreich. 

Der Autor als Kind
Der Autor als Kind

"Vielleicht ist mein Sohn nicht geschaffen für das Gymnasium"

1999. Mathematikunterricht in der ersten Klasse Gymnasium. Mein Mathelehrer hat eine Metallbox, in der er seine Kreide aufbewahrt. Nach einer Stunde vergisst er ein Stück orange Kreide bei der Tafel und ich denke mir, dass die wichtig sein muss. Schließlich ist es keine gewöhnliche, weiße Kreide. Ich gehe ihn suchen und finde ihn im Raucherzimmer. Ich sage ihm, dass er seine Kreide vergessen hat und will sie ihm zurückgeben. „Das gibt’s doch nicht! Schleich di‘! Raus mit dir!“, schreit er mich an. Ich renne erschrocken davon. 

In der ersten Klasse Gymnasium habe ich eine Nachprüfung in Mathe. Meine Mutter zahlt mir über den ganzen Sommer die Nachhilfe, indem sie putzt. "Vielleicht ist mein Sohn nicht geschaffen für das Gymnasium“, denkt sich meine Mutter, als ich in der zweiten Klasse Gymnasium bin. Also spricht sie mit meinen Lehrern. Sie geht zu meiner Deutschlehrerin, meiner Englischlehrerin, meiner Biologielehrerin und selbst zu meinem Sportlehrer und meiner Lehrerin in Bildnerischer Erziehung. Und alle bestätigen ihr: „Ihr Sohn ist klug genug für das Gymnasium.“ Nur mein Mathelehrer sagt „Nein.“ 

In der zweiten Klasse Gymnasium habe ich wieder eine Nachprüfung in Mathe. Meine Mutter zahlt mir über den ganzen Sommer die Nachhilfe, indem sie putzt. In der dritten Klasse wird mein Mathelehrer wieder mein Klassenvorstand und ich wechsle die Schule. In der neuen Klasse bin ich wieder der einzige Migrant. Es ist eine katholische Privatschule, die einzige Schule, in der ich einen Platz bekomme. Wieder ist meine Mutter diejenige, die zahlt. Ein paar Jahre lang bin ich ein guter Schüler und meine Mutter hat ein bisschen Ruhe. Doch dann kommt die Pubertät. 

Wir streiten mindestens einmal die Woche. Wir weinen mindestens einmal die Woche.

Ich will mit Freunden ausgehen, rauchen und feiern. Schule interessiert mich nicht. Auf einmal habe ich viele Fünfer im Zeugnis. Meine Mutter zahlt mir Nachhilfe in fünf Fächern. Meine Mutter rennt wieder zu allen Lehrern und Lehrerinnen. Wenn ich ausgehen möchte, stellt sich meine Mutter vor die Tür und sagt: „Ich lasse dich nicht gehen. Du wirst die Schule abschließen.“ Sie ist zwei Köpfe kleiner als ich und stößt mich jedes Mal wieder von der Tür weg, wenn ich versuche sie beiseite zu schieben.

In der siebten Klasse schwänze ich ein ganzes Jahr lang den Spanischunterricht. Wir streiten mindestens einmal die Woche. Wir weinen mindestens einmal die Woche.  Manchmal fragt mich meine Mutter: „Was ist aus dem Sohn geworden, der meinte, „Mama, für dich tue ich alles?‘“

2009. Nach der Schule gehe ich an die Universität. Ich beginne Sprachwissenschaften zu studieren, breche das ab. Ich beginne Japanologie zu studieren. Abbruch. Anglistik. Abbruch. Ich höre, dass man in Politikwissenschaft viel lesen und schreiben kann. Ich bleibe und brauche für den Bachelor fünf statt drei Jahre.

„Wie viel ist mein Sohn im Minus?“, fragt meine Mutter nach meinem Austauschjahr in Zagreb, Kroatien. Sie weiß, dass ich zu viel Geld ausgegeben habe. Der Angestellte bei der Bank sagt, dass er ihr keine Auskunft über mein Konto geben darf. „Ok“, sagt sie. „Ich möchte meinen Sohn etwas auf sein Konto einzahlen und Sie sagen mir einfach, ob ich noch mehr einzahlen soll. Machen wir das so?“ Nach diesem Tag habe ich keine Schulden mehr bei der Bank. 

2015. Nach der Universität wechsle ich an die Fachhochschule. Ich möchte Journalismus und neue Medien studieren. Und werde aufgenommen.  Die ersten eineinhalb Jahre laufen gut, doch dann kommt es zur Masterarbeit. Ich will nicht wissenschaftlich arbeiten, sondern in der Praxis. Ich will einfach nicht mehr. Ich gebe die Masterarbeit das erste Mal ab und sie wird negativ beurteilt. 

„Emir, ich habe mit der Oma telefoniert. Sag mir den Namen deiner Betreuerin. Die Oma will für dich beten.“

„Emir, schließ dein Studium ab“, bittet mich meine Mutter. „Vielleicht merkst du das jetzt nicht, aber in zehn Jahren wirst du einen großen Unterschied beim Gehalt spüren. Leute mit Abschluss verdienen viel mehr, als die ohne.“

„Emir, schreib deine Masterarbeit.“

„Emir, sag mir, wenn ich dir helfen kann.“

„Emir, ich kann zu dir kommen und für dich putzen.“

„Emir, ich kann auch zu dir kommen und für dich kochen.“

 „Emir, ich habe mit der Oma telefoniert. Sag mir den Namen deiner Betreuerin. Die Oma will für dich beten.“

2018. Ich gebe die Masterarbeit ab und mache meine Masterprüfung. Die Hilfe meine Mutter nehme ich aber nicht an. Meine Mutter nimmt sich am Tag meiner Prüfung frei und wartet vor meinem Prüfungszimmer. Ich schließe mein Studium mit gutem Erfolg ab. Als meine Prüfer aus dem Zimmer kommen, sagt meine Mutter: „Ich bin die Mutter von Emir. Vielen, vielen Dank!“ Die Prüfer lachen und sagen, dass sie sich nicht bedanken muss und dass sie auf mich stolz sein kann. 

Nach der Prüfung nehme ich meine Masterarbeit aus dem Rucksack und zeige meiner Mutter die Widmung, in der steht: 

„Keiner Person war es aber so ein Anliegen, niemand hat so viel Energie, Zeit und Geld geopfert und auf so vieles verzichtet, damit ich eine Ausbildung mache und es einmal besser habe, wie meine Mutter. Ihr möchte ich diese Arbeit hiermit widmen: 

Mama, za tebe sve. (Mama, für dich tue ich alles.)"

 

 

 

 

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