Damals und heute: Der gewaltige Unterschied zwischen zwei verschiedenen Generationen

Mit 16 Jahren mussten die Frauen der Generation meiner Mutter erwachsen handeln und viel Verantwortung übernehmen. Die Kinder aus ihrer mazedonisch-albanischen Heimatstadt wurden verdammt streng erzogen. Fortgehen, Schminke, Privatsphäre und ein sorgenfreies Leben gab es für sie nicht. Die meisten Mädels meiner Generation genossen im Gegensatz dazu eine ziemlich antiautoritäre Erziehung. Wir waren nämlich mit 16 Jahren abends in Lokalen und tanzten zur Musik von Rihanna und Jason Derulo, mit bunten Cocktails in den Händen und einem fetten Grinsen im Gesicht. Heute sieht man unsere Party-Videos und Fotos unserer Highlighter-on-fleek-Wangen sogar live auf Snapchat oder Facebook. Die Veränderungen sind fast unglaublich.

 

Es ist Donnerstag, drei Uhr morgens. Ich chille mit meiner Mama im Wohnzimmer. Wir reden wie immer über Gott und die Welt. Heute geht es hauptsächlich um die Unterschiede unserer beiden Generationen. Sie erzählt mir sehr detailliert, wie schwer das Leben damals für junge Frauen aus ihrer Heimatstadt war. Ich habe ein Peeling auf meinem Gesicht, trinke meinen „Happy Fruits“-Orangensaft und höre ihr dabei aufmerksam zu.

Die meisten Dinge über „unsere armen Frauen“ wusste ich bereits, andere überraschen mich. Während sie spricht, vergleiche ich im Kopf unsere beiden Generationen. Mir fällt auf, wie enorm sie sich wirklich voneinander unterscheiden, noch mehr als ich dachte, und wie schön es die jungen Frauen meiner Generation tatsächlich haben. Zumindest die aus der traditionellen Heimatstadt meiner Eltern. Für andere Frauen sind die folgenden Dinge wahrscheinlich schon seit Ewigkeiten normal, für „unsere Frauen“ eben nicht.

 

"Ich vedanke den viel zu strengen Erziehungsmethoden meiner Großeltern die sehr lockeren Erziehungsmethoden meiner wundervollen Mutter.“

1973 ist sie als Gastarbeiterkind von Mazedonien nach Österreich gezogen. Sie hat die folgenden Dinge also hauptsächlich in Wien erlebt und beobachtet. Trotzdem ist sie häufig mit ihren Eltern und Geschwistern in Mazedonien gewesen und hat deswegen viele Erinnerungen an das Leben von „unten“. Ich verdanke den viel zu strengen Erziehungsmethoden meiner Großeltern die sehr lockeren Erziehungsmethoden meiner wundervollen Mutter. Klingt seltsam, ist aber so. Sie hat sich nämlich selbst das Versprechen gegeben, alles anders zu machen und es ist ihr gelungen.

 

Die 16-jährige Erwachsene vs. der 16-jährige Teenager

Damals: „Man musste das Leben schnell in den Griff bekommen. Die jungen Frauen, die wie wir nach Wien gezogen sind, haben so früh wie möglich die Schule abgeschlossen, ihre Lehre gemacht und sind dann arbeiten gegangen. Wir mussten unsere Eltern finanziell unterstützen, sonst hätten wir es in Österreich nicht geschafft.“, erzählt meine Mutter. Den Haushalt musste sie damals, neben der Schule und der Arbeit, fast alleine schmeißen. Ihre Eltern waren bis spät abends in den Fabriken arbeiten und waren danach körperlich am Ende. Ihre drei jüngeren Geschwister hätten ohne sie nie genügend gegessen. Sie musste es tun, es wurde von ihr, als ältestes Kind, einfach erwartet. „Um die ganzen Amtswege mussten wir uns ebenfalls immer selbst kümmern, da wir durch die Schule viel besser deutsch gesprochen haben als unsere Eltern. Wir hatten einfach keine Zeit, um normale Teenager zu sein. “, sagt Mama über sich und ihre Geschwister. Wenn ältere Gäste an Wochenenden zu Besuch waren, musste man mit den Erwachsenen im Wohnzimmer sitzen und sich mit ihnen unterhalten, auch wenn man es nicht wollte. Nicht zu bleiben wäre „ein Skandal“ gewesen. Ein eigenes Zimmer, in das man sich zurückziehen konnte, war sowieso auch nur ein Traum.

Heute: Mein Bruder und ich sind in Wien geboren und aufgewachsen. Wir studieren beide an der Hauptuni. Man merkt schon jetzt, dass unser Leben das Gegenteil vom Leben unserer Eltern und deren Geschwister ist. Mit 16 Jahren war meine größte Sorge wahrscheinlich, ob ich die nächste Mathe-Schularbeit schaffen würde oder nicht. Sonst wusste ich eigentlich eh auch schon, dass ich maturieren und dann studieren würde. Ich war die Art  Jugendliche, die man aus dem Fernsehen kennt. Ich hatte meine Girls-Clique, mein eigenes Zimmer, neue Klamotten, neue DVDs, Millionen Magazine, mein Handy und meinen eigenen Laptop. Als jüngstes Kind wusste ich mit 16 Jahren nicht, was „wahre Verantwortung“ überhaupt bedeutet. Ich musste mich um niemanden kümmern und hatte Zeit, ein Teenie in Vienna zu sein. Mit dem „harten Leben der Erwachsenen“ hatte ich wenig am Hut. Wenn an Wochenenden Besuch bei uns zu Hause war, merkte ich es meistens nicht, weil ich gar nicht da war. Falls doch, reichte ein „Hi, wie geht’s?“ und ich durfte mich wieder verpissen.

 

Party-Time? Nur mit der Familie oder heimlich vs. Party-Time live auf Snapchat und Facebook

Damals: Abends fortzugehen war für die jungen Damen aus der kleinen mazedonischen Stadt meiner Eltern einfach unvorstellbar. Rauchen musste man heimlich, wenn überhaupt. Trinken war nicht einmal ein Thema, so verpönt war diese Angelegenheit. „Als Frau hat man sich nicht getraut zu fragen, ob man abends mit Freundinnen in ein Lokal gehen darf. Tagsüber war es in Ordnung, abends natürlich nicht“, sagt Mama. Sie erzählt von einem heimlichen Versuch, abends rauszugehen. Es war im Sommer in Mazedonien, zusammen mit ihren Cousinen. Der Versuch ist total gescheitert. Sie haben sich heimlich hinausgeschlichen, hatten aber ein ziemlich fettes Problem: Die Straße beim Haus ihrer Verwandten war stockfinster. Eine ihrer Cousinen ist deswegen in ein fast zwei Meter tiefes Loch gefallen. #balkanhalt #wirklicheinetruestory Sie konnten ihr da nicht raushelfen und mussten ihren Vater rufen. #dasgabärger In Wien ist Mama abends höchstens dann rausgegangen, wenn ein serbischer Sänger dort ein Konzert gab, aber natürlich nur mit der ganzen Familie.

Heute: Regelmäßige Besuche in lauten Lokalen und Partys gehören einfach zum Leben der jetzigen Generation dazu. Bei mir ist es z.B. schon so „normal“, dass meine Eltern mich fragen, ob ich mit meinen Freundinnen gestritten habe, wenn ich an den Wochenenden abends nur zu Hause chille. In den Snapchat-Stories und Facebook-Timelines meiner Verwandten sieht man ebenfalls jeden Freitag und Samstag live, dass sich unsere jetzige Frauengeneration abends in Bars oder Clubs befindet. Die Eltern wissen natürlich Bescheid und die Papis holen ihre Töchterchen nach den Partys sogar ab, falls sie anrufen.

Ganze 90% meiner Cousinen, die in Wien leben, trinken Alkohol oder rauchen. Früher unvorstellbar, heute nicht dramatisch. Die Eltern wissen es auch, aber es wird einfach nicht thematisiert. „Ihr müsst selbst wissen, was ihr macht.“ lautet das neue Motto.

 

Starke Schminke ist nur was für Huren “ vs.  „Highlighter on fleek, bitches“

Damals: Viel Schminke und gefärbte Haare waren nur etwas für sogenannte „schlechte“ Mädchen, Nutten, Huren oder wie auch immer man sie nennen möchte. „Ein bisschen Wimperntusche und Puder war eh in Ordnung. Greller Lippenstift war nur für die verheirateten Frauen “. Denn erst dann hatte man das „Recht“, sich aufzustylen. Zum Kotzen oder? Wer es dennoch gewagt hat, sich stärker zu schminken oder sich die Haare zu färben, musste damit leben, dass dann gelästert wurde. "Hure" wurde man dann meistens genannt.

Heute: Ich kenne kaum junge Frauen aus der Heimatstadt meiner Eltern, die sich nicht gerne (stärker) schminken. Ob sie nun in Mazedonien oder im Ausland leben. Die Sache, die vor einigen Jahren noch so wahnsinnig verpönt war, ist heute das Normalste auf der Welt. Unsere Highlighter sind nämlich stets on fleek, genau wie unsere Augenbrauen. Sogar die jungen Frauen mit den strengeren Eltern lassen sich zumindest das Recht auf die eigene Körpergestaltung nicht nehmen. Was für manche Leute ein Zeichen der Unterdrückung ist, ist bei uns irgendwie das Gegenteil. Es galt jahrelang als etwas Schlechtes oder sogar etwas Verbotenes. Nun hat eine Cousine von mir sogar ihre eigene Make-Up-Seite auf Instagram und arbeitet dadurch in Wien sogar als Freelance Make-up-Artist. Wer hätte das damals für möglich gehalten?

 

Freiheit, du wunderschönes Geschenk unserer Mütter

Einige unserer Verwandten haben diese traditionellen Erziehungsmaßnahmen weitergeführt, also nach dem Motto „Bei uns ist das eben so“. Ich weiß nicht, wann es endlich aufhören wird. Ich weiß nur, dass so eine Erziehung bestimmt keine glücklichen Kinder hervorbringt.

Meine Mutter und viele andere schlaue Frauen beweisen, dass es eben nicht so sein muss. Das Leben damals war, meiner Auffassung nach, ziemlich beschissen. Ich kann deshalb gar nicht in Worte fassen, wie sehr ich meine Mutter und die anderen Frauen für ihre Entscheidungen bewundere. Sie haben sich gegen die Weiterführung einer solchen mittelalterlichen Erziehung entschieden und uns jungen Frauen der neuen Generation das schönste Geschenk überhaupt gemacht: Freiheit.

 

Danke.

Blogkategorie: 

Das könnte dich auch interessieren

Bereitgestellt
Das Burkverbot ist nun beschlossen,...
Foto: Marko Mestrovic
Sie ist ihr stets eine Länge voraus –...
Dragan Tatic
Artikel sollen nicht mehr erscheinen,...

Anmelden & Mitreden