„Es fehlt uns eine vernünftige Diskussionskultur über Israel-Palästina.“

03. Dezember 2021

Interview mit ISABEL FREY

„Es fehlt uns eine vernünftige Diskussionskultur über Israel-Palästina.“

Die jüdische Revolutionssängerin und Aktivistin Isabel Frey über Identität, Antisemitismus und den Nahostkonflikt.

 

Biber: Durch die Covid-Krise und den damit verbundenen Verschwörungstheorien bemerken wir einen starken Anstieg antisemitischer Vorfälle. Wie verarbeitest du das, wenn du solche Vorfälle mitbekommst?

Isabel Frey: Sehr unterschiedlich. Oft durch Verdrängung. Aber mein Kollektiv, die Judeobolschewiener*innen, hilft da auch sehr. In dem Kollektiv treten wir nach außen politisch auf, helfen uns aber auch nach innen mit solchen Sachen klarzukommen. Also, einerseits eine Support-Gruppe, wir versuchen dann aber auch etwas Politisches daraus zu machen.

Bei der Gedenkveranstaltung „ein Jahr Hanau“ in Wien wurdest du wegen einer Solidaritätsbekundung für Palästina als Antisemitin bezeichnet. Wieso?

Ich habe dort eine Rede gehalten. Danach wurden online Ausschnitte aus meiner Rede aus dem Kontext gerissen. Zum Beispiel, wurde nicht erwähnt, dass die Rede von einer Jüdin gehalten wurde. Ich habe gesagt, ich bin privilegiert, in Bezug auf Klasse und Hautfarbe. Das wurde so umgedreht als hätte ich gesagt, alle jüdischen Menschen sind privilegiert, was natürlich nicht stimmt. Gleichzeitig haben sich aber auch viele mit mir solidarisiert, auch wenn sie meine Aussagen so nicht unterschreiben würden.

Du warst diesen Sommer in Israel-Palästina unterwegs, was hast du dort gemacht?

Ich war dort, um einen Jiddisch-Kurs zu machen. Die Reise hatte also kein aktivistisches Ziel, aber ich habe es kombiniert. Ich habe Jiddisch gelernt, war aber auch einige Male im besetzten Gebiet Westbank und mit meiner Großtante in Ostjerusalem. Seit drei Jahren geht sie zu den Demonstrationen in Sheikh Jarrah. Sie hat mich mitgenommen und den palästinensischen Familien vorgestellt, die ihre Häuser verloren haben. Viele Menschen in Sheikh Jarrah sind schon Flüchtlinge aus West-Jerusalem von 1948 und werden jetzt noch einmal vertrieben. Sie werden nicht einmal vertrieben, damit jüdische Familien dort einziehen, sondern damit die Häuser abgerissen und Luxus-Apartments stattdessen hingebaut werden. Also es ist wie Gentrifizierung in Kombination mit ethnischer Säuberung. Auch als nicht-jüdische Linke müsste ich mich da dagegenstellen. Und die israelische Linke, egal ob zionistisch oder nicht, die stellen sich da alle dagegen. Das ist einfach Common Sense.

Würdest du sagen dieser Common Sense fehlt in Österreich?

Ja. Hier fehlt einfach oft eine vernünftige Diskussionskultur über Israel-Palästina. Auf der diesjährigen Eröffnung des jüdischen Film-Festivals in Wien hat der Schauspieler Cornelius Obonya gesagt: „Israel ist ein normales Land, auch es macht Fehler“. Den Satz finde ich sehr passend. Es wird oft so getan, weil Israel der jüdische Staat ist, ist er unfehlbar. Das ist ein Fehlschluss und hat mit Antisemitismusbekämpfung nichts zu tun.

Du bist auch Musikerin und singst jiddische Revolutionslieder. Ein erstes Album von dir ist schon draußen, wird es noch eines geben?

Ja! Im Sommer habe ich ein zweites Album aufgenommen, mit einer Kollegin. Wir sind ein feministisches Duo und singen jiddische Lieder, die sehr nah an der Lebensrealität von Frauen sind. Wir heißen Soveles, das ist jiddisch für "kleine Eulen". Das Album muss aber erst rauskommen, aktuell sind wir noch am Mischen.

Wie bist du dazu gekommen, jiddische Revolutionslieder zu singen?

Das hat sich durch meinen politischen Aktivismus und meine jüdische Identität, bzw. meine Identitätskrise ergeben. Etwas in mir sträubt sich dagegen, dass diese jahrtausendealte, reiche und vielfältige Kultur immerzu auf drei Themen reduziert wird: Antisemitismus, Nahostkonflikt, und die Shoah. Unter anderem bin ich dadurch zu jiddischen Arbeiter*innenliedern gekommen.

 

ISABEL FREY
Alter: 27
Beruf: Musikerin, politische Aktivistin, Doktorandin/Dozentin an der Universität
Besonderes: Macht den besten Frühstücks-Porridge

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