Flüchtlinge protestieren gegen korrupte Immobilienmakler

Zwielichtige Immobilienfirmen haben in Ottakring ein ganzes Haus an Geflüchtete vermietet. Die Wohnverhältnisse sind menschenunwürdig und schon seit September 2016 bekannt. Doch bis jetzt hat sich nichts geändert. Nun protestieren die Mieter.

„Ich setze mich auch mit den Kindern auf die Straßenbahnschienen. Ist mir egal“, droht Ibrahim S. aus Palästina verzweifelt. Grund dafür ist der abgedrehte Strom und das unregelmäßig fließende Wasser in dem Wohnhaus, in dem er seit zwei Jahren lebt, obwohl alle Rechnungen bezahlt sind. Er ist nicht der einzige, der unter dieser drastischen Maßnahme von Wiener Netze bei über 30 Grad leidet. Insgesamt leben in dem Wohnhaus ca. 20 Familien mit 50 Kindern. Sie alle haben nach Sonnenuntergang kein Licht mehr, keine Möglichkeit sich eine warme Mahlzeit zu kochen, und wenn das Wasser ausnahmsweise einmal rinnt, dann ist es eiskalt. Zum Duschen nicht gerade geeignet, vor allem nicht für ein zum Beispiel drei Monate altes Baby, wie das von Mieter Raed S. aus Syrien.

Er lebt so wie Ibrahim schon seit über zwei Jahren in der Maroltingergasse 73 in Ottakring und möchte so schnell wie möglich ausziehen, am Besten in eine Gemeindewohnung. Doch Wiener Wohnen hat ihm eine Absage nach der anderen erteilt. Er selbst würde zwar die wichtigsten Voraussetzungen erfüllen, aber seine Frau und seine Kinder sind noch nicht die vorzuweisenden zwei Jahre in der Wohnung hauptgemeldet. Wie auch? Die Familienzusammenführung fand erst vor einem guten Jahr statt. Raed ist aber zuversichtlich und „muss nur noch 90 Tage warten, dann kann ich wieder um eine Gemeindewohnung ansuchen.“

Babys und kleine Kinder leiden auch unter den desolaten Wohnverhältnissen.
Sarah Al Hashimi

Korrupte Immobilienfirmen

Der Fall ist schon seit September letzten Jahres bekannt. Damals berichtete die Presse von den desolaten Wohnzuständen: die Wände seien feucht und schimmlig, die Heizung funktioniere den ganzen Winter nicht, Warmwasser fließe nur sporadisch. Vor allem die Frauen und junge Mütter seien von diesen Zuständen krank geworden. Man überlege die Baupolizei einzuschalten. Warum dagegen bis jetzt noch nichts unternommen wurde lässt sich nicht so einfach erklären.

Ibrahim erklärt, dass die Firma Sveta Immobilien GmbH die Wohnungen an die Firma Shikrhie KG vermietet hat. Dieser sei der Hauptmieter und habe den aktuellen Mietern einen Untermietvertrag verkauft. Ein solcher wird von dem Iraker Ali M. gezeigt, in dem so wie mit den meisten anderen Mietern vereinbart wurde, dass das Mietverhältnis bis Dezember 2018 bestehen wird. Bei manchen sogar bis Ende 2019. Dieser Hauptmieter ist Hamed Ali Shikrhie aus dem Irak, der das Geschäft mit den Geflüchteten witterte. Kassiert hat er zwischen EUR 3.000-7.000 Kaution pro Mieter für heruntergekommene Zimmer. Die Miete kostet zwischen EUR 400 für ein kleines Zimmer bis EUR 750 für eine 2-Zimmer-Wohnung. „Jetzt hat er die Wohnungen an eine andere Firma weitervermietet“, ärgert sich Ibrahim, „und hat deshalb Strom, Gas und Warmwasser abdrehen lassen.“

Verloren im Paragraphendschungel

Laut der Presse kenne die Staatsanwaltschaft die Shikrhie KG. Seit Ende Dezember 2014 würde gegen ihn und rund ein Dutzend andere Männer wegen Ausbeutung von Fremden sowie Sachwucher nach §155 StGB ermittelt werden. Doch zu einer Verbesserung scheint die lang andauernden Ermittlungen nicht zu führen. Auch die Mietervereinigung, die sich nach dem Publikwerden der Situation einschaltete, konnte die unwürdigen Wohnverhältnisse nicht beheben. Deshalb habe Ibrahim selbst die Initiative ergriffen und unter anderem die Baupolizei kontaktiert, die „sehr viele Mängel entdeckt und auch verboten hat, dass Familien im Keller leben.“ Laut einem Presse-Zitat dürfe in diesem Haus gar niemand mehr wohnen und der Hauptmieter wäre verantwortlich alle Mieter woanders unterzubringen, um sanieren zu können.

Aber Ibrahim vertraut dem Ganzen nicht und ist sich sicher, dass Shikrhie sie alle nur loswerden will, und kein einziger mehr zurück in seine berechtigte Wohnung könne. Scheinbar werden auch illegale Mittel eingesetzt, um die Bewohner einzuschüchtern. Arbeiter hätten um 7 Uhr früh bei Ali eingebrochen als er bei einem Freund zu Besuch war. Sie hätten ihm die Türen ausgehängt, das Badezimmer demoliert und die Möbel entsorgt. Auch Geld soll verschwunden sein. Jetzt muss er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern auf Matratzen am Boden schlafen. Die Tür kann nicht verschlossen werden.

Strom und Gas wurde abgedreht.
Sarah Al Hashimi

Alles ist besser als Obdachlosigkeit

Geflüchtete, die einen Asylstatus erhalten finden schwer, wenn überhaupt eine Wohnung. Die meisten Immobilienmakler verlangen Lohnzettel der letzten drei Monate, die die wenigsten von ihnen vorweisen können. Aufgrund der geringen Deutschkenntnisse finden sie keine Arbeit und sind auf Mindestsicherung angewiesen. Eine Gemeindewohnung ist aufgrund der vielen Voraussetzungen auch schwer zu kriegen. So werden sogar Ehepaare mit Kindern getrennt. Der Mann in einer Männer-WG, die Frau in einer Unterkunft für Frauen, weil sie entweder keine Wohnung bekommen oder sich die Preise am privaten Wohnungsmarkt nicht leisten können.

Weil es Geflüchteten mit Asylstatus unmöglich gemacht wird menschenwürdig zu leben will Ibrahim weiter protestieren und vertraut niemandem mehr: „Alle sagen immer morgen oder nächste Woche wird etwas dagegen unternommen, aber es passiert nichts. Jetzt haben wir nicht einmal mehr Strom. Ich habe Angst, dass wegen den angezündeten Kerzen das Haus Feuer fängt und irgendwer stirbt“, sorgt er sich und hat vor solange weiter zu protestieren bis er gehört wird und „werde der letzte sein, der dieses Haus verlässt.“

 

Biber bleibt an der Geschichte dran.

Die Presse war auch wieder dabei - mehr Infos hier nachzulesen.

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