ZUM HEMDSCHÄMEN? - Yalla Klimaschutz!

04. Juni 2021

Secondhand-Boutiquen boomen in den letzten Jahren. Jedoch herrscht in migrantischen Communitys immer noch ein Stigma gegen den Kauf von gebrauchter Kleidung. Über Sauberkeitswahn und Armuts-Vorurteile.

von Nada El-Azar, Fotos: Zoe Opratko

Ein Elternbesuch in Wien-Favoriten. Zum Mittagessen trug ich meine „neue“ Lieblingsbluse im 70s-Look, die ich wenige Tage zuvor in einem Secondhandshop gekauft hatte. Meiner Mutter fiel das Stück sofort auf. „Schöne Bluse! So eine ähnliche hatte ich vor Ewigkeiten auch“, kommentierte sie. „Danke“, entgegnete ich, „Die habe ich für 12 Euro gebraucht gekauft. Aber sieht noch super neu aus, oder?“ Sofort verzog Mama das Gesicht. „Warum kaufst du denn gebrauchte Sachen? Das hatte vorher schon jemand an! Brauchst du Geld?“, war ihre Antwort.

Secondhand
Jährlich landen viele Tonnen Kleidung ungetragen im Müll. So findet man auch neuwertige Teile aus zweiter Hand.

Der Secondhand-Boom kommt bei Migra-Eltern nicht an

Kaum eine Industrie ist in den letzten Jahren so stark gewachsen wie die Bekleidungsindustrie. Statistiken zeigen, dass jährlich mehr als 55 Millionen Tonnen Kleidung jährlich verkauft werden – viel davon landet sogar ungetragen wieder im Müll. Der Boom fordert Opfer auf vielen Ebenen: Die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken und den großen Produktionsstätten, die sich häufig in Ländern im Globalen Süden befinden, verschlechtern sich stetig. Man erinnert sich mit Schrecken an den Gebäudeeinsturz des Rana Plaza in Bangladesch, bei dem 1000 Menschen starben. Die Textilbranche belegt den zweiten Platz der Industrien mit der schlechtesten Umweltbilanz. Deswegen ist es wichtig, Kleidung bewusst zu kaufen und bereits getragenen Stücken eine zweite Chance zu geben. Die Vorbehalte um Secondhand-Fashion sind vor allem bei jungen Menschen viel schwächer geworden – jedoch überzeugt dieser Trend in migrantischen Familien oft nicht. Woran liegt das?

Secondhand
Stylisch und nachhaltig für wenig Geld einkaufen, kann man zum Beispiel bei Marlo in Wien 1080. Mehr Tipps findet ihr unten!

Burberry-Schal für einen Euro

Ähnliche Begebenheiten, wie sie ich mit meinen Eltern erlebt habe, schildert auch die Polin Aneta. Während sie und ihre Freunde regelmäßig in Wien in Shops nach coolen Teilen aus zweiter Hand stöbern, wollen ihre Cousinen in ihrem kleinen Heimatort in Polen gar nicht erst gesehen werden, wie sie mit Aneta einen Secondhandshop betreten. Zu groß ist die Fremdscham. „Man glaubt, dass nur arme Leute in einen Secondhandshop gehen und, dass die Kleidung nicht sauber sei“, so die 27-Jährige. Auch Anetas Eltern betrachten ihre Leidenschaft für das „thriften“ argwöhnisch. „Die Generation unserer Eltern und Großeltern versteht den Sinn dahinter gar nicht. Sie verbinden das noch zu stark mit dem Sozialismus und der Armut. In Großstädten wie Warschau sieht es anders aus, aber in den kleinen Orten ist das Stigma noch sehr groß“, so die Studentin. Dass die Secondhandshops vielerorts gemieden werden, ist zu einem großen Vorteil für Aneta geworden. „Ich habe einmal einen echten Burberry-Schal für einen Euro bekommen!“, erzählt sie stolz.

Secondhand wird fälschlich abgewertet

„In der Balkan-Community ist allgemein bekannt, dass es eine gewisse 24/7-Eitelkeit und einen Hang zum Protzen gibt. Secondhand klingt dort alles andere als glamourös“, sagt die Studentin Zora. Sie hat ihre Wurzeln in Nordmazedonien, beschriebt sich als sehr modebewusst und wurde auch über Social Media zunehmend aufmerksamer beim Kauf neuer Kleidung. „Ich habe beim Einkaufen das Motto, hey, du brauchst nicht jeden Monat ein neues Oberteil, das Frauen in Entwicklungsländern für einen Niedriglohn produziert haben“, so die 26-Jährige. Ihr ist es ein wenig peinlich, wie ihre Verwandten auf Instagram mit den neuesten Markenklamotten posen. Trotzdem versteht sie, was die Gründe dafür sein könnten. „Ich denke, dass dieser Drang, teure Marken zu kaufen und herzuzeigen bei vielen im Kern auch mit sozioökonomischen Komplexen zusammenhängt. Vor allem in Arbeiterfamilien will man sich oft ‚das Gegenteil beweisen‘ und zieht sich dafür extra neu und teuer an, und gibt das auch an die Kinder weiter“, erklärt Zora. Gleichzeitig hat sie bei vielen migrantischen Müttern aus ihrem Umfeld einen regelrechten Sauberkeitswahn beobachtet. „Getragene Kleidung wird nur innerhalb der Familie weitergegeben, aber Secondhandläden werten total abgewertet. Man wisse ja nicht, wer vorher die Kleidung getragen hat, ist häufig das Argument“, lacht sie. Dabei wird Kleidung in Secondhandläden selbstverständlich immer gewaschen verkauft. Wieso nicht diese alten Muster aufbrechen und den Gang zum Secondhandshop wagen? Vielleicht wird jemandes altes Hemd dort zu deinem neuen Lieblingsstück.

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SECONDHAND IN WIEN

Ob Kleidung, Möbel, oder Kleinkram aller Art – wir haben vier heiße Tipps für alle, die Secondhand lieben oder lieben wollen:

Secondhand
Unsere Models Ajdin und Miriam haben ihre Looks "gethriftet". Nicht schlecht, oder?

Marlo Vintage Second Hand

Stylische Kleidungsstücke für Damen und Herren, sowie Accessoires sind hier erhältlich!
Währinger Straße 27
1090 Wien

 

Flohmarkt am Wienerberg

Bei vielen Thrift-Profis die Nummer Eins für Kleidung, Taschen, Möbel, Haushaltsartikel und Elektro. Findet immer Sonntags statt.

Parkplatz der Billa Plus Filiale Wienerberg

1100 Wien

 

Volkshilfe

Mit mehreren Standorten in der ganzen Stadt vertreten. Möbel, Kleidung, Geschirr, Bücher und vieles mehr gibt es zum Beispiel in Floridsdorf.

Scheydgasse 21-25

1210 Wien

 

Babäm Secondhand

Ausgewählte Kleidung aus zweiter Hand für Herren, Damen und Kinder. Reinerlös wird dabei an die SOS Kinderdörfer gespendet. Online-Shop vorhanden!

Lindengasse 7
1070 Wien

 

Mehr Shops findet ihr beim Seconhand-Guide von Global2000: https://www.global2000.at/second-hand-guide-wien

 

 

„Ein Oldtimer ist immer noch nachhaltiger als ein neuer AMG“

Wird für Tofu der Regenwald gerodet? Ist Fleischersatz immer die bessere Alternative? Martin Wildenberg ist Nachhaltigkeitsexperte bei Global2000 und kann die größten Nachhaltigkeitsmythen entlarven.

Interview: Nada El-Azar

Martin Wildenberg
Martin Wildenberg ist Nachhaltigkeitsexperte bei Global2000. Er weiß, was wirklich nachhaltig ist. (C)Global2000/Stephan Wyckoff

Welche einfachen Dinge kann jeder von uns in seinem Alltag ändern, um sofort nachhaltiger zu leben?

Bewusster Konsum ist die beste Lösung für ein nachhaltigeres Leben. Unbedingt überlegen, ob man die Sachen, die man kauft, auch wirklich braucht. Bei Lebensmitteln macht tatsächlich die Reduktion von tierischen Produkten wie Fleisch, Milch und Käse schon einen Unterschied, und immer auf Bio-Produkte achten!

Ist Fleischersatz immer besser für die Umwelt?

Prinzipiell würde ich sagen, ja. Pflanzliche Produkte haben in der Regel einen geringeren Ressourcenverbrauch als tierische. Man muss einem Tier 10 Kalorien zufüttern, um eine Kalorie im Fleisch zu bekommen. Verhältnismäßig ist es dann besser, gleich pflanzliche Produkte zu konsumieren.

Was ist der wahre Preis eines 5-Euro-T-Shirts?

Da steckt natürlich sehr viel Ausbeutung drin. Billige Mode wird auf dem Rücken der ArbeiterInnen der Textilbranche produziert, deren Arbeitsbedingungen unter moderne Sklaverei fallen. Viele arbeiten sechs oder sieben Tage pro Woche, ohne Krankenversicherung und müssen ihren Arbeitgebern noch etwas von ihrem Hungerlohn für ihre Unterkunft abgeben. An den Folgen der Pestizidbelastung auf Baumwollfeldern sterben jährlich zwei bis drei Millionen Menschen. Das sind die sozialen Aspekte der Fast-Fashion, mal abgesehen von den Umweltschäden, die jedem bewusst sein sollten.

Wie kann man trotz Flugreise möglichst nachhaltig Urlaub machen?

Am besten wäre es natürlich nicht zu fliegen (lacht). Aber man sollte auch vor Ort möglichst die lokale Wirtschaft unterstützen und beim Einkaufen dieselben Regeln beachten, wie zuhause.

Ist AMG oder Oldtimer in der Stadt fahren notwendig?

Natürlich ist es nicht notwendig. Aber wenn man schon protzen will, ist der Oldtimer nachhaltiger als der AMG, weil er einfach länger genutzt wird. Der Energieaufwand um ein Auto zu produzieren ist enorm, daher zahlt sich der Oldtimer eher aus – wenn man dabei die Feinstaubbelastung auslässt.

Wie kann man die ältere Generation davon überzeugen nachhaltiger zu leben?

Unsere Omas und Opas leben irgendwo nachhaltiger, als wir glauben. Bei vielen älteren Menschen ist zum Beispiel Lebensmittelverschwendung eine entsetzliche Sache. Die gute alte Hausmannskost, bei der kein Produkt verschwendet wird, wurde dieser Generation noch nahegelegt. Problematischer ist eher die Boomer-Generation, die im Wirtschaftswachstum groß geworden ist und die schwerer davon zu überzeugen sind, ihr Verhalten zu ändern. Ein gutes Argument kann dabei immer sein, dass sie die Welt für die Nachfolgegenerationen schützen sollten.

Welcher Nachhaltigkeitsmythos ist besonders weit verbreitet und gehört aufgeklärt?

Oft höre ich über Sojaprodukte wie Tofu, dass dafür der Regenwald in Brasilien gerodet wird. Das stimmt so nicht, denn das Soja, das für die allermeisten heimischen Produkte verwendet wird, stammt aus Europa. Der Großteil der Sojaproduktion in Südamerika geht in die Tiernahrung.

Wer sind die größten Klimasünder?

Ganz klar sind die Schwerindustrie, Rohstoffabbau fossiler Brennstoffe und die Zementproduktion ganz weit oben auf der Liste der Klimasünder. Im Vergleich dazu sticht sogar die Textilbranche nicht wirklich heraus.

Inwiefern kann das Konsumverhalten von uns als Einzelpersonen das Klima schützen? Welche Dinge müsste beispielsweise der Staat noch besser regeln?

Unser Konsumverhalten beeinflusst den Markt enorm, speziell bei Lebensmitteln. Man braucht sich nur anzusehen, wie viele Bio-Produkte, vegetarische und vegane Alternativen jetzt im Supermarkt verkauft werden als noch vor einigen Jahren. In Österreich wird mehr Geld für Werbung ausgegeben als für das Bildungssystem. Was der Staat besser regeln könnte wären Probleme wie „Greenwashing“ und fehlende Transparenz beim ökologischen Fußabdruck von Produkten. Sogenannte „Superfoods“ wie Jackfruit, Goji-Beeren und Co. sind meistens Marketingschmähs.

 

Dieses Nachhaltigkeitsspecial ist Teil des Projekts "Yalla Klimaschutz - Umweltbildung für alle!" GLOBAL 2000, das vom Bundesministerium für Klimaschutz und Umwelt gefördert wird. Die redaktionelle Verantwortung liegt bei BIBER.

 

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