Ausbildungspflicht für (fast) alle

08. Juli 2016

Eine Ausbildungspflicht für alle bis zum Alter von 18 Jahren ist beschlossen. Bei genauerem Hinsehen jedoch zeigt sich wie so oft, dass in unserer Gesellschaft mit „alle“ längst nicht „alle“ gemeint sind. Denn gerade diejenigen, die ohnehin schon mehrfach benachteiligt sind im Hinblick auf ihre Ausbildungschancen in Österreich, sind von der Ausbildungspflicht ausgenommen: jugendliche Asylwerber. Und zwar auch dann, wenn sie mit hoher Wahrscheinlichkeit in Österreich bleiben werden.

Diesen Umstand hatten die Grünen im Vorfeld des Beschlusses über die Ausbildungspflicht kritisiert und eine Einbeziehung von Flüchtlingen und Asylwerbern in die Ausbildungspflicht gefordert. Schließlich einigte man sich auf Maßnahmen zum Ausgleich: So sollen für jugendliche Asylwerber mit Aussicht auf Asylberechtigung zusätzliche 27 Millionen Euro für Deutsch- und Alphabetisierungskurse sowie Fahrtkosten bereitgestellt werden. Weiters soll der Zugang zu sogenannten Mangellehrberufen ausgebaut werden.

Das SOS-Kinderdorf bezeichnete dies in einer Presseaussendung als „vergebene Chance zur Integration“, denn Deutschlernen allein sei noch keine Ausbildung. Anstatt den jungen Asylwerbern eine Perspektive zu geben, seien sie gezwungen, wertvolle Lebenszeit zu verschwenden, was auch eine Verletzung der Kinderrechtskonvention darstelle, so SOS-Kinderdorf-Geschäftsführer Christian Moser. Diese Perspektivenlosigkeit könne in weiterer Folge Probleme mit sich bringen, die eine ganze Reihe neuer Kosten verursachen.

Die Gruppe der jugendlichen Asylwerber, die nicht mehr im schulpflichtigen Alter sind, steht tatsächlich häufig vor einer mehrfachen Herausforderung, was den Zugang zu einer weiteren Ausbildung angeht. Neben Unterschieden in der schulischen Vorbildung ist da die Sprachbarriere, die es zu überwinden gilt, um eine Ausbildung in Österreich überhaupt schaffen zu können. So gesehen ist eine Aufstockung des Budgets für Deutschkurse sicher eine gute Maßnahme, zumal das Kursangebot immer noch viel zu knapp ist. Unerwähnt bleibt hier, wie so oft, die inhaltliche bzw. qualitative Komponente, denn Deutschkurs ist auch nicht gleich Deutschkurs. Junge Menschen, die in Österreich eine Ausbildung schaffen sollen, brauchen andere Kursinhalte als beispielsweise Erwachsene, die schnellstmöglich auf den Arbeitsmarkt integriert werden sollen. Eigens auf diese Bedürfnisse sowie auf diese Altersgruppe abgestimmte Kurse wären notwendig, zumindest wünschenswert.

Allerdings ist auch klar festzuhalten, dass dies allein nicht für eine gelungene Integration ausreichen wird, solange weiterhin eine systematische Ausgrenzung von gerade jungen Menschen stattfindet. So gesehen sind die Ausgleichsmaßnahmen bis zu einem gewissen Grad nicht mehr als eine Augenauswischerei. Auf lange Sicht reicht es einfach nicht, Sprachkurspakete wie Fleischhappen in die Menge zu werfen, nur um sich hintenrum an Integrationsthemen vorbei zu schleichen.

Denn Integration bedeutet – anders als der integrationspolitische Diskurs uns das vermitteln möchte – in erster Linie auch Chancengleichheit und Möglichkeiten zur Partizipation in der Gesellschaft. Sprache ist natürlich ein bedeutender Weg dorthin. Aber irgendwann muss sich auch mal eine Tür zu richtigen Perspektiven öffnen, wenn auch nur einen Spalt breit. Denn sonst wären all die teuren Sprachkursmaßnahmen letztendlich auch nur eine weitere vergebene Chance zur Integration gewesen.

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