Geh bitte Leute, ernsthaft?

18. April 2017

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Demo, Erdogan, Wien, Türken
Patrick Domingo / picturedesk.com

Das Referendum in der Türkei hat gezeigt - viele Austrotürken bestärken Erdogans autoritären Kurs. Der Boulevard hyperventiliert, die Qualitätszeitungen sind mit ihrem Türkisch am Ende und fragen sich: "Wie kann man nur den wählen?" Geh bitte, Leute, so schwer ist das doch gar nicht.


 

 

Die Volksabstimmung ist Geschichte und die österreichische Öffentlichkeit kennt nur eine Frage. „Wie, um Gottes Willen, kann man in einer Demokratie leben und gleichzeitig einem lupenreinen Autokraten wie Erdogan die Stimme geben?“, prangt es sinngemäß über jedem zweiten Kommentar, der sich mit dem Ergebnis der präsidialen Volksabstimmung in der Türkei beschäftigt. Der Vorwurf richtet sich an die in Österreich lebenden Türken, die auch mit dem türkischen Pass ausgestattet sind und hier in überwiegender Mehrheit (über 70% der Wahlbeteiligten haben für die Verfassungsänderung gestimmt) dem Kurs Erdogans die demokratische Legitimation gegeben haben.

Bobos und Schafhirten

Wenn man den Kontakt zu türkischstämmigen Menschen sucht, weiß man: Die Türkei ist ein großes Land, ihre Menschen divers. Die Palette reicht vom Istanbuler Bobo bis zum alewitischen Schafhirten, von Kemalisten über Nationalisten bis hin zu Islamisten und natürlich der bekanntesten Minderheit, den Kurden. Das Land zählt knappe 80 Millionen Einwohner (Stand: Ende 2016), knapp drei Millionen Auslandstürken waren letzten Sonntag wahlberechtigt.  Hierzulande waren es immerhin rund 100.000 Wahlberechtigte, was gemessen an der Einwohnerzahl Österreichs einen der Spitzenplätze im europäischen Vergleich bedeutet.

Viele der Austro-Türken sind hier geboren, ihre Eltern und Großeltern kamen vor fünfzig Jahren nach Österreich. Angekommen sind sie jedoch bis heute nicht. Und da wären wir wieder beim ernüchternden Ergebnis des Referendums vom Wochenende. Die Gründe, in die Türkei anstatt auf die österreichische Politbühne zu schielen, sind komplexer als die, die uns ein Krone-Kommentar vermitteln möchte, aber bitte auch keine Weltraum-Wissenschaft. Also:

1. Nie angekommen

Gastarbeiter kamen aus sehr einfachen Verhältnissen und in der Hoffnung, in ein paar Jahren genug Geld für die Daheimgebliebenen anzusparen und zurückzukehren. Sie hatten Schwierigkeiten, bei uns Fuß zu fassen (Die Willkommenskultur steckte zu dieser Zeit, vorsichtig ausgedrückt, in den Kinderschuhen), verkehrten unter ihresgleichen. Was aber niemanden störte, da für die Jobs am Bau und in Fabriken sowieso keine sprachlichen Kenntnisse vonnöten waren. Deswegen bauten sie schon sehr früh eine emotionale Bindung zu ihrer alten Heimat auf. Hier die tägliche Tortur mit 12-Stunden-Schichten, dort das Land ihrer Großeltern, das Land, in dem sie ihre Kindheit verbrachten. Der verklärte Blick in die Heimat half den Menschen, über ihre missliche Lage hinwegzusehen, in der sie als mittellose Arbeitstiere in Österreich steckten.

2. Heimat-Blues

Viele Austrotürken sind mehrmals im Jahr in ihrer alten Heimat. Familie besuchen, Haus bauen, Urlaub machen. Alles Dinge, die auch Gastarbeiter aus Ex-Jugoslawien kennen. Mit einem Unterschied: Während die Nachkriegsstaaten am Balkan in den letzten Jahren kaum wirtschaftlichen Fortschritt verzeichnen konnten (ja, tatsächlich, fragt mal einen Kroaten, was er vom EU-Beitritt hält), fruchteten die wirtschaftlichen Maßnahmen Erdogans zumindest auf der symbolischen Ebene wunderbar. Dörfer bekamen asphaltierte Straßen, Brücken wurden gebaut, Turkish Airlines stieg zur besten Fluggesellschaft auf – Balsam für die gescholtene türkische Gastarbeiterseele, die sich endlich nicht mehr als minderwertig anfühlte.

3. Hand reichen

Der Großteil der Austro-Türken, die Erdogan gewählt haben, tat dies aus nur einem Grund: Der türkische Präsident reichte seinen Bürgern die Hand und sagte: „Ich bin stolz auf euch.“ Zuletzt bei seinem Besuch in der Albert Schulz Halle vor drei Jahren. Könnt ihr euch an einen österreichischen Politiker erinnern, der das Gleiche tat? Deine Familie und du seid verantwortlich für den Aufbau der Republik, du zahlst einen hohen Preis dafür (Heimweh, Gesundheit) und am Ende des Tages liest/hörst/siehst du nur Negatives über dein Land und dessen Landsmänner. Fakt ist, Politiker aller Couleurs (mit wenigen Ausnahmen) haben es verabsäumt zum 50-jährigen Jubiläum des Anwerbeabkommens zwischen Österreich und der Türkei den Austro-Türken die Hand zu reichen. Sie werden noch immer meist als Bürger zweiter Klasse angesehen. Dies ist übrigens nicht nur ihrer „Opferrolle“ geschuldet, wie Außenminister Sebastian Kurz kürzlich im Zentrum süffisant anmerkte.

4. Diskriminierung im Alltag

Tatsächlich sind türkischstämmige Menschen am Wohn-, Bildungs- und Arbeitsmarkt stark benachteiligt. Sie sind nachweislich schlechter qualifiziert, haben große Probleme Arbeit zu finden und leben oft in Substandard-Wohnungen (versucht mal mit einem türkischstämmigen Namen eine Wohnung zu mieten oder Bewerbung zu schreiben, viel Spaß dabei). Dazu kommen Ressentiments, die vom Volksmund stark getragen werden und die aufkommende globale Angst vor dem islamistischen Terror. Da leisten die großen Boulevardmedien dieses Landes genauso einen starken Beitrag wie politische Akteure links und rechts.

5. Medienkonsum: Von Erdogan-TV und OE24

In den meisten türkischen Haushalten läuft türkisches Fernsehen. Wenn man weiß, wie es um die Pressefreiheit am Bosporus bestellt ist, kann man davon ausgehen, dass die regierungsfreundlichen aber auch oppositionellen Medien nicht unbedingt den kritischen Rotstift ansetzen. Die einen weil sie es systematisch nicht wollen, die anderen aus Angst ins Gefängnis zu kommen. Da viele türkischstämmige Österreicher aus bildungsfernen Verhältnissen stammen, "schlucken" sie fast alles, was ihnen serviert wird. Genauso lassen sie sich von türkeifeindlichen Sagern und Behauptungen aus dem Boulevard provozieren. Tatsächlich wagen die meisten am ehesten einen Blick in die "Krone" oder 0E24.at - und wie es dort um die journalistische Ausgewogenheit und diskriminierende Berichterstattung steht, weiß jeder, der eine Zeitung halten kann. 

 

 

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