„Perser sind die Österreicher des Orients“

27. Oktober 2015

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Niavarani
Foto: Christoph Liebentritt

Michael Niavarani, der witzigste Österreicher anno 2011, ist "Halbperser", wäre aber gerne Engländer. Neuerdings spielt er Shakespeare, aber weniger ordinär. Im Biber-Interview philosophiert er über den lieben Gott, Politik und sein Engagement für Flüchtlinge.

Biber: Sie spielen gerade Shakespeares „Richard der Dritte“ und ab Dezember eine Adaption von „Romeo und Julia“. Wieso gerade Shakespeare?

Michael Niavarani: Ich habe bis vor drei Jahren Shakespeare verweigert, weil ich mich für zu dumm gehalten habe, um Shakespeare zu verstehen. Dann habe ich herausgefunden, dass Shakespeare in vielen Belangen missverstanden wird. Shakespeare ist Kommerz und Unterhaltung. Shakespeare ist überhaupt nicht romantisch. Er ist brutal, poetisch und ordinär. Ich würde Shakespeare gerne so machen, wie er das gemacht hat, nämlich sehr brutal und sehr ordinär.

Sie haben in einem Interview gesagt: „Shakespeare nimmt Worte in den Mund, die würden Sie nicht einmal in die Hand nehmen.“ Weil sie so antiquiert und verstaubt sind?

Nein, weil sie so ordinär sind. Mercutio wird gefragt, wo der Romeo sei. Dieser antwortet: „I hope she is an open-arse, and he a poperin pear.“ Das heißt, dass sie den Arsch schon offen hat und er seine Birne darin.

Romeo und Julia ist überhaupt eines der ordinärsten Stücke.

Das kann man in Österreich nicht sagen?

Das kann man schon sagen, nur das wird nicht so übersetzt. Es wird übersetzt: „Ich hoffe er liegt schon bei ihr. Nun denn Freunde, es ist schon spät. Gute Nacht." „Open-arse“ heißt zu Deutsch offener Arsch und „poperin pear“ ist eine Birne, die aussieht wie ein Hodensack mit einem Penis.  Romeo und Julia ist überhaupt eines der ordinärsten Stücke. Die Amme hat Julia bei der Geburt gleich auf den Rücken gelegt, damit sie weiß, wie es ist, wenn sie später einmal flach gelegt wird.

In Ihrer Adaption von „Romeo und Julia“ geht es aber um das Zusammenleben zweier Liebender. Romeo und Julia sterben auch nicht.

Bei Shakespeare ist es eine Tragödie, weil sie sterben, bei uns ist es eine Tragödie, weil sie überlebt haben. Nach dreißig Jahren Ehe lieben sie sich zwar noch, aber sie können nicht mehr miteinander leben. Und ja, Romeo und Julia betrügen sich.

Schlimm.

Naja, normal, glaube ich. (lacht)

Ich verhalte mich privat einfach normal.

Niavarani
Foto: Christoph Liebentritt

Abgesehen von Ihren Theaterproduktionen sind Sie schon seit Jahrzehnten einer der beliebtesten, österreichischen Kabarettisten und wurden auch zum lustigsten Österreicher gewählt. Steht man unter einem gewissen Druck immer lustig sein zu müssen?

Nein, denn auch ein Gehirnchirurg muss nicht immer operieren. Ich verhalte mich privat einfach normal. Nur wenn mir etwas Lustiges einfällt, sage ich es eben. Aber die Erwartung ist schon da. Wenn ich in ein Café gehe und einfach nur „Grüß Gott“ sage, glauben die Leute, dass ich depressiv bin und mich gleich umbringe, weil ich noch keinen Witz erzählt habe.

Nimmt der Humor im Alter ab?

Nein, aber was abnimmt ist die Ungestümheit der Jugend. Im Alter kann ich es genießen Aristoteles zu lesen, ohne das ich gleich einen witzigen Sketch dazu machen muss.

Egal ob gegen Ausländer, Flüchtlinge, Vegetarier oder Großmütter gehetzt wird.

Sie haben sich in den sozialen Netzwerken, mit Spenden und Benefizveranstaltungen für Flüchtlinge und gegen Hetze engagiert. Wieso ist Ihnen das ein Anliegen?

Ich werde mich gegen jede Form der Hetze engagieren. Egal ob gegen Ausländer, Flüchtlinge, Vegetarier oder Großmütter gehetzt wird. Im Internet werden sehr viele Lügen über Flüchtlinge verbreitet. Das finde ich falsch. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass das Problem mit den Flüchtlingen gar nicht so groß ist. Das Problem ist sehr leicht lösbar. Wenn man den Banken mit hunderten Milliarden helfen kann, dann auch mit ein paar Milliarden diesen Flüchtlingen. Ich glaube, dass Länder, die Flüchtlinge aufnehmen und sie bestmöglich integrieren, auch in den Arbeitsmarkt, in 15 Jahren wirtschaftlich davon profitieren, aber nicht Länder, die jetzt Zäune bauen.

Und wenn Leute Angst haben vor einer „Islamisierung“?

Europa kann gar nicht islamisiert werden, denn wir haben eine Kultur der Aufklärung in Europa. In Europa hat die Religion nichts zu melden.  Wir haben Religionsfreiheit und wir brauchen auch einen Islam in Europa, der ein aufgeklärter und moderater Islam ist. Es gibt kein Gesetz in der Verfassung, das mir vorschreibt, Christ zu sein, und es wird auch kein Gesetz geben, das mir vorschreibt, Moslem zu sein. Es ist nicht der Kampf Islam gegen Christentum, sondern der Kampf Aufklärung gegen Terrorismus und der Kampf Krieg gegen Frieden.

Macht es Sie grantig, dass in Wien 30% FPÖ gewählt haben?

Es macht mich nicht grantig, sondern ratlos. Die FPÖ-Leute glauben, wenn alle Ausländer draußen sind und ein Zaun rund um Österreich errichtet ist, dass alles gut ist. Auf der anderen Seite verstehe ich auch, dass die Leute Angst haben, dass sich ihre Kultur verändert. Diese Angst hätten sie aber auch, wenn lauter Engländer kommen würden.

Man soll prinzipiell keine religiösen Gefühle verletzten.

Darf man sich als Kabarettist auch über den Islam und Religion lustig machen?

Eine Pointe kennt keine Grenzen, außer sie verletzt jemanden, der sich nicht wehren kann. Man soll prinzipiell keine religiösen Gefühle verletzten. Aber ich finde, man kann sich über die Systeme der Religionen und Philosophien lustig machen. In Wirklichkeit sind Allah, Gott und Jahwe Erfindungen der Menschen. Das hat nichts damit zu tun, dass es keinen Gott gibt, wahrscheinlich gibt es den sogar. Aber Religionen und Gesetze hat nicht der liebe Gott sondern der Mensch gemacht.

Selbstironisch scherzen Sie auch immer wieder über Ihre Körperbehaarung und Ihre persischen Wurzeln. Ist es ein Vorteil „exotisch“ zu sein?

Es ist immer ein Vorteil nicht dazuzugehören. Ich wollte nie dazugehören. Ich wollte immer nur ich-selbst sein. Daher bin ich sehr froh halber Perser und halber Österreicher zu sein. Wenn ich ganz streng mit mir bin, dann müsste ich eigentlich sagen, dass ich durch und durch Wiener bin. Aber ich wäre wahnsinnig gerne Engländer, verklemmt, dünn, groß, blass, ein bisschen schiach.

Niavarani
Foto: Christoph Liebentritt

Man kann es sich leider nicht aussuchen.

Ja, leider. (lacht)

Sie haben einmal gesagt, dass die „Perser die Österreicher des Orients“ sind. Haben Sie noch einen starken Bezug zum Heimatland Ihres Vaters?

Ich koche zwar persisch und spreche Persisch mit meinen Verwandten, wenn ich mich aber deklarieren muss, dann bin ich Europäer. Ich bin hier aufgewachsen und sozialisiert worden. Der Rest meiner Familie lebt in Schweden, England und den USA. Wir wären gerne persisch, sind aber ganz weit davon entfernt persische Machos zu sein. Mein Cousin in Schweden ist in seiner Denkweise absolut schwedisch, wenn es um Feminismus und Frauenquoten geht.

Dürfen in Oberösterreich Frauen überhaupt noch Auto fahren?

Deshalb ist vielleicht Österreich so persisch?

Vor allem Oberösterreich. Der Iran und Saudi-Arabien haben der oberösterreichischen Regierung gratuliert, dass sie keine Frauen in der Regierung haben. Oberösterreich gehört, glaube ich, ab nächster Woche zu Saudi-Arabien. Dürfen in Oberösterreich Frauen überhaupt noch Auto fahren?

Traktorfahren dürfen sie nicht mehr.

 

 

INFO:  

Romeo & Julia - Ohne Tod kein Happy End

Wann: ab Dezember 2015

Wo: GLOBE Wien

Silvester-Special mit Michael NIAVARANI

Wann: 31.12.2015, 16:00 und 20:00

Wo: GLOBE Wien

 

 

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