Talibad - Männer müssen draußen bleiben!

10. September 2021

Sind feministische Badeveranstaltungen ohne Männer ein Gefallen an die Taliban oder einfach nur zeitgemäß?


Ende August verkündete die Influencerin und Unternehmerin Madeleine Alizadeh alias „Dariadaria“ eine Veranstaltung, die für erheblichen Wellengang sorgen sollte. Alizadeh informierte ihre 330.000 FollowerInnen über einen Badenachmittag im Thermalbad Vöslau, der ganz ohne Männer auskommen muss. „Schönheitsstandards, Körpernormen und Male Gaze (dt.: männlicher Blick)“ müssen draußen bleiben. Es gehe darum, weiblichen Personen einen Platz in einem Bad zu schaffen, der ihnen im Alltag oft verwehrt bleibt. Eine feministische Forderung, die ja nicht ganz neu ist.

Ganz neu ist hingegen die Deutung des Events und der vermeintlichen Folgen auf unsere Gesellschaft. Zumindest, wenn man dem Mann aus dem neoliberalen, bürgerlichen Milieu Glauben schenken möchte. Der Homos Libertas sieht in der Initiative einen Kniefall gegenüber den Taliban, die ihre feuchte Freude an der Geschlechter-Apartheid in Bad Vöslau hätten – so der Tenor. Manche von ihnen wollen sich gar nicht erst auf eine Diskussion einlassen, weil Geschlechtertrennung „nicht schmackhaft“ verpackt werden kann. „Educate your sons, do not protect your daughters“, twitterten wiederum andere altklug, während sie vor einer mittelalterlichen Scharia-Gesellschaft warnten.

IN DEN SPIEGEL SCHAUEN

Ja, natürlich kann man auf der Oberfläche bleiben und per se alles, was mit Geschlechtertrennung zu tun hat, mit den Taliban vergleichen. Damit ertränkt man jede ernsthafte Diskussion und spricht vielen – auch nicht muslimischen – Frauen ihre traumatisierenden Erfahrungen in öffentlichen Bädern ab. Ich denke, wir – und damit meine ich privilegierte Männer mit Interesse an einer gleichberechtigten Gesellschaft – sollten uns erstens in den Spiegel schauen und zweitens einfach mal zuhören, anstatt wie getrieben anderen Frauen erklären zu wollen, wie die Welt funktioniert.

Bei beiden Punkten nehme ich mich in die Kritik ganz explizit mit hinein. Ich muss mir als 40-jähriger Familienvater eingestehen, dass ich in meiner Studentenzeit, im Rudel mit anderen testosterongesteuerten Alphamännchen, laut und respektlos um die Häuser gezogen bin. Eine wildfremde Frau von hinten antanzen? Kein Problem, sie will ja erobert werden. Sie sagt dir, du sollst dich verpissen oder sie in Ruhe lassen? Sehr gut, sie zeigt mir die kalte Schulter, weil sie auf mich steht. Die Welt von vielen Männern ist einfach gestrickt und sie stehen dabei immer im Mittelpunkt. Ich spreche hier von zukünftigen Ärzten und Anwälten, vorwiegend autochthoner Abstammung – weil das Argument des importierten Frauenhasses immer als Erstes kommt.

WIDERLICHER WEINSTEIN BRINGT WENDE

Spätestens Weinstein, dieser widerliche Filmproduzent aus den USA, hat mir die Augen geöffnet. Plötzlich erzählt dir deine Freundin, dass ihr mindestens einmal im Monat irgendein merkwürdiger Typ bis zur Haustür folgt. Oder deine Mutter, die von einem Creep am helllichten Tag verfolgt wird, während dieser in seiner Hose herumspielt. In meiner Selbstverliebtheit und Naivität hätte ich es nie im Leben für möglich gehalten, dass sich wildfremde Männer an Frauen im Wasser heranpirschen, um mit ihrem erigierten Glied auf Tuchfühlung zu gehen. Ich hätte mir niemals albträumen lassen, dass Frauen beim Duschen von Männern ungefragt fotografiert werden. Auch Sprüche von der Seite wie „Hey, willst du ficken?“ hielt ich nicht für möglich. Sie sind aber real und passieren jeden Tag in Badeanstalten dieses Landes. Die Möglichkeit, zumindest ein paar Stunden sorglos und unbeobachtet im Wasser zu planschen, ohne deppert angemacht zu werden, ist keine talibanesque Vision. Es ist der Ausdruck einer freien Gesellschaft.

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