Gecekondu - The new Generation?

23. Juli 2012

Gecekondu – das ist ein Haus, das über Nacht gebaut wird und nicht abgerissen werden darf. So und nicht anders hat es die Mietergemeinschaft Kotti&Co mit ihrer Info- und Veranstaltungshütte am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg gemacht. Seit 26. Mai 2012 protestiert die Mieterinitiative gegen zu hohe Mieten in geförderten sozialen Wohnungsbauten, gegen Verdrängung von Menschen und die Untätigkeit der Mietpolitik. Bei der 6. Lärmdemo war ich mit dabei.

 

Nach dem Mauerfall 1989 kamen die Ossis in den Westen und nahmen ihre Skinheads und Neonazis mit. Diese stießen auf die in Kreuzberg ansässigen türkischen Bewohner und verursachten fortan eine Atmosphäre, mit der nicht länger zu spaßen war. Die 36 Boys, eine türkische Jugendbande, war geboren und musste lernen sich zur Wehr zu setzen. Am häufigsten waren sie in der Naunynstraße anzutreffen, die bis Mitte der 90er Jahre eine NoGo-Gegend war. Niemand wollte in diesem Bezirk wohnen. Heruntergekommene Häuser zeichneten das Stadtbild, gewaltbereite Kriminalität war die Tagesordnung. „Hier mussten zuerst 3-4 Kinder überfahren werden, bis die Stadt einen Zebrastreifen anlegte.“, erzählt Ahmed aus Kreuzberg. Selbst der amtierende Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit erklärte 2006 in der N24-Sendung „Links-Rechts“, dass wenn er Kinder hätte, würde er sie auf keinen Fall in Kreuzberg zur Schule schicken. Zu dieser Zeit nannte man den Kiez noch „Klein-Istanbul“. „Heute sind nur mehr 20% der hier lebenden Menschen türkischer Herkunft.“, schildert Ahmed.

v.l.n.r.: Mohammed, Ahmad, Mehmed, Burak und Ahmed

Foto: Soléne Ill

 

Was ist passiert? - Gentrifizierung

Der Prozess, der hier über Jahre hinweg stattgefunden hat, nennt sich „Gentrifizierung“. Das Wort Gentry ist Englisch und bedeutet „niedriger Adel“. Der Begriff stammt aus der Stadtsoziologie und meint einen bestimmten sozioökonomischen Umstrukturierungsprozess in städtischen Wohngebieten.

Einfacher erklärt: Künstler und Studenten ziehen in Stadtteile, die für sie günstige Ateliers und Wohnungen für WGs bieten. Je mehr sie werden, umso mehr stellt sich das Bedürfnis ein, bei diesen Leuten hippe Lokale und Restaurants zu eröffnen. Dazu gehört auch dieses „Mulit-Kulti“, das ja sooo cool ist und die dort lebenden Menschen mit Migrationshintergrund meint. Die Stadt wird hellhörig und wittert Cash. Das Stadtgebiet wird renoviert, teilweise erneuert und die Preise für Mieten und Leben steigen. Die arme Gesellschaft, also Leute mit niedrigem Einkommen, Altersarmut oder Arbeitslosengeld, muss umziehen, weil sie es sich nicht mehr leisten kann. „Die Politik will die Familien auseinander reißen, um den Einzelnen besser unter Kontrolle zu halten“, mutmaßt Ilker, ein Bewohner des Kottbusser-Kiez. Übrig bleiben die Reichen, die sich plötzlich fragen, wo denn das Flair, das sie so gerne hatten, hinverschwunden ist. Und das Ganze geht in einem nächsten billigen Stadtteil von vorne los.

 

Ilker, ein Bewohner des Kotti.

 

 

Foto: Sarah Al-Hashimi

 

 

Kreuzberg Heute

Viele Wohnhäuser rund um das Kottbusser Tor, gehören der Hausverwaltung GSW und Hermes, die weder zu einem Dialog mit den Bewohnern noch mit der Mieterinitiative Kotti&Co bereit sind. Diese sollen sogar ausländischen Mietern eine Mieterhöhung aufgedrückt haben und deutschen nicht. Bestechungsgelder machen die Runde und sollen die alten, seit Jahrzehnten Eingesessenen vertreiben, um Platz für die neuen Reichen zu machen, die laut Ahmed am Austern essen sind und nicht nur ihn schief ansehen. Erst durchs miteinander reden fanden die Nachbarn heraus wie hinterlistig die Machenschaften der Hausverwaltungen sind. Seit Herbst 2011 haben sie sich zusammengetan, um gegen diese dreiste Mietpolitik zu protestieren. Die Menschen, die hier seit über 30 Jahren leben und/oder hier aufgewachsen sind, können sich nicht vorstellen wo anders zu wohnen. Am sogenannten Kotti steht nur mehr ein Haus, das leistbar ist. Man sieht lauter an der Fassade hängende Satelliten, heruntergekommene und marode Mauern. „Im Treppenhaus sehe ich ab und an einen Junkie, der sich gerade eine Ladung spritzt. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran“, beschreibt Ahmed sein Wohnhaus. Doch selbst in diese Anlage sollen schon viel mehr Deutsche eingezogen sein, als Menschen mit Migrationshintergrund heute noch dort wohnen. Die einzigen Orte, die in Berlin momentan leistbar wären, sind die Bezirke Marzahn und Spandau. Dort würden sie aber mit den vertriebenen Skinheads und Neonazis konfrontiert werden und in Häusern leben, die nicht fürs Wohnen geschaffen sind. Ein Ghetto, wie man es aus Paris kennt, würde sich dort rasant entwickeln.

 

Foto: Sarah Al-Hashimi

 

Was ist die Lösung?

Einerseits stellte sich mit den Künstlern und Studenten mehr Sicherheit in Kreuzberg ein. „Man passt sich eben an“, meint Ahmed. Andererseits steigen die Preise für alles stetig. So muss also die Politik die sozialen Wohnbauten sozial sein lassen, aber die Gegend auch attraktiv bleiben lassen. Ahmed schlägt vor: „Eine Mischung aus allem macht es aus. Es wäre unerträglich, würden hier nur aggressive und ungebildete Kinder heranwachsen, genauso wie es unerträglich ist, sich ständig schiefen Blicken von Reichen aussetzen zu müssen.“

Eine andere Lösung bieten Hamburger Aktivisten: "Es regnet Kavier – Das Abwertungskit gegen Gentrifizierung"

 

 

"Das Recht auf Stadt für alle!" fordert Kotti&Co. Außerdem möchte ich hier noch ihre Erwartungen an die Medien und Presse, aus ihrem Flugblatt zitieren: „…Anfragen, die „Türken in Kreuzberg“ portraitieren wollen, haben wir zu viele. Wir sind kein Klischee, sondern äußerst verschieden. Es gibt keine „typisch türkische Familie“, wie sie in den Köpfen zu vieler besteht. Wir sind erst einmal Mieter und Mieterinnen, die von Verdrängung bedroht sind. Ob wir über unsere türkischen, tunesischen, deutschen, tscherkessischen oder afghanischen Wurzeln sprechen möchten, bleibt uns überlassen….“

Diese Forderung sollte sich der ein oder andere zu Herzen nehmen!

 

Das neue Wien?

Der deutsch-türkische Rapper Alpa Gun rappt bereits über „Das neue Berlin“. Wann wird es wohl in Wien soweit sein?

 

Erst Naschmarkt, dann Gürtel, jetzt Brunnenviertel. Will ja niemand in Wien was davon wissen…

 

 

Quellen:

Gentrification in Wien? - http://www.stadtbekannt.at/de/wien/debatte/gentrification-in-wien_.html (Februar 2011)

Was machen wir? http://kottiundco.wordpress.com/ (Juli 2012)

Empörung über Wowereit - http://www.tagesspiegel.de/berlin/schulen-in-kreuzberg-empoerung-ueber-wowereit/784370.html (Dezember 2006)

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