Du musst nicht perfekt sein, um erfolgreich zu sein!

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Eva-Maria Lass
Foto: Adrian Almasan

Der Arbeitsmarkt ist hart, egal aus welchem Land du kommst. Wenn deine Muttersprache dann aber nicht Deutsch ist, hast du es doppelt schwer. Mit Mitleid kommst du hier nicht weit. Was du brauchst ist ein gesundes Selbstbewusstsein und das richtige Self-Marketing. Wie das geht, verrät Eva-Maria Lass, Geschäftsführerin und Coach bei SEMtool.

 

Ist die Sprache das einzig Schwierige oder gibt es auch andere Gründe, warum sich Migranten am Arbeitsmarkt schwertun?

Die Basis ist sicher die Sprache. Aber es gibt definitiv auch viele andere Gründe. Ich habe sehr viel mit Migranten mit hohem Bildungsniveau gearbeitet und festgestellt, dass der eigene Anspruch an sich so hoch ist, dass sie sich selbst im Weg stehen. Das heißt: Wenn sie die Sprache nicht fehlerfrei beherrschen, fühlen sie sich nicht gut genug für den Arbeitsmarkt. Solange sie nicht perfekt sind, machen sie sich kleiner und bewerben sich teilweise für Jobs, für die sie womöglich gar nicht passen und völlig überqualifiziert sind. Der Anspruch, in der neuen Sprache zu denken, zu träumen und genauso zu agieren wie in der Erstsprache, steht ihnen im Weg.

Bei Migranten mit niedrigerem Bildungsniveau ist „Lernen“ eher das Problem. Es ist in vielen Fällen mit Angst besetzt.

Wichtig ist, dass Menschen nicht in eine Opferrolle rutschen und ihr „Migrant-Sein“ als Ausrede nutzen. Es braucht Migranten, die wissen, was sie können und Lernen, das Spaß macht.

Wird das Beherrschen der deutschen Sprache überbewertet?

Wir sind in Österreich – dem Land der Klein- und Mittelbetriebe. Große Konzerne, bei denen ich mit unterschiedlichen Sprachen punkten kann, kann ich an einer Hand abzählen. Deutsch spielt auf jeden Fall eine tragende Rolle. Aber es kommt trotzdem darauf an, in welchem Bereich ich arbeiten will. Wenn ich mich irgendwo als Content Manager oder Journalist bewerbe, dann ist die Sprache mein USP. Wenn Deutsch aber nicht mein unmittelbares Handwerk ist, dann ist es völlig in Ordnung und vertretbar, wenn ich hin und wieder Fehler mache. 90% der Österreicher wissen nicht, was ein Genitiv ist und machen sich auch keinen Stress deswegen. Man kann die eigenen Ansprüche an sich selbst ruhig ein bisschen runterfahren.

Wie kann ich in Österreich wieder ganz von vorne beginnen, wenn ich in meinem Heimatland womöglich schon eine super Position hatte?

Am schwierigsten ist es, sich kontinuierlich weiterzubilden und den „Absprung“ zu schaffen. Natürlich kann es sein, dass ich in Österreich von vorne beginnen muss. Allerdings ist es wichtig, dass ich mit einer Strategie an die Sache herangehe. Wenn ich 20 Jahre lang im Einzelhandel arbeite und danach wieder Marketing Manager werden will, wird das schwierig. Wenn ich aber von Anfang an sage, ich lerne „on the job“ Deutsch, habe mein Ziel vor Augen, bilde mich weiter und ich weiß, wo ich hinwill – dann ist es etwas Anderes.

Aber das hat nicht unbedingt etwas mit Migranten zu tun. Das funktioniert auch bei Österreichern nicht. Das ist der Arbeitsmarkt. Und der Arbeitsmarkt ist hart, egal aus welchem Land man kommt.

Was ist das Wichtigste, wenn man neu ist in Österreich?

Das erste, was ich tun würde, wenn ich in ein anderes Land komme ist, mir ein paar Österreicher zu suchen. Dann fühle ich mich aufgehoben und habe meine Community. Großartig! Aber der nächste Schritt muss sofort sein: Hinausgehen und mit den Leuten reden! Was tut sich hier? Wer ist wo? Wo kann ich andocken? Schule, Kindergarten, Lokale? Nicht einfach sagen: In meiner Community fühle ich mich wohl, hier bleibe ich. Ich muss meine Komfortzone verlassen, in die echte Welt hinausgehen und mit den Leuten sprechen. Viele Migranten, mit denen ich gearbeitet habe, haben einfach Angst, mit der lokalen Bevölkerung zu sprechen, weil sie das Gefühl haben, die Leute halten sie für dumm, wenn sie die Sprache nicht perfekt beherrschen. Aber genau das wäre wahnsinnig wichtig. Je mehr man in seiner eigenen Community unterwegs ist, desto schwieriger ist es, Netzwerke aufzubauen. Das ist ein Problem. Denn 70% der Jobs werden nicht ausgeschrieben, sondern nur über Netzwerke vergeben.

Hast du das Gefühl, dass sich in Österreich der Trend ändert? Dass man das Potenzial von Migranten mehr wahrnimmt?

Ich denke schon. Das Interessante ist, dass die Branchen, wo es früher so undenkbar war, als Migrant zu arbeiten – Autohandel, Banken, Versicherungen –, jetzt händeringend nach ihnen suchen, weil sie festgestellt haben, dass Migranten nicht nur potentielle Arbeitnehmer, sondern natürlich auch Kunden sind. Sie brauchen die sprachlichen und kulturellen Kenntnisse. Viele Migranten trauen sich da aber gar nicht erst hin.

Was sind die neuesten Trends in der Arbeitswelt?

Unkonventionelle Lebensläufe! Was ist deine Story? Was ist dein USP? Du kennst mehr als eine Sprache, mehr als eine Kultur, unterschiedliche Schul- und Berufswege. Sei so spannend wie du bist und zeige, was dich einzigartig macht!

Man kann aus jedem Lebenslauf einen roten Faden herausarbeiten. Wenn ich jemand bin, der sich für nichts zu schade ist und mutig und interessiert wirkt, dann kann das durchaus sehr positiv ankommen. Es gibt so viele unterschiedliche Arten, Lebensläufe kreativ zu gestalten und an die eigene Geschichte anzupassen. Dazu muss man seine Story allerdings kennen und wissen, welches Repertoire man zur Verfügung hat.

 

Eva-Maria Lass
Foto: SEMtool

http://www.semtool.at

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