Der syrische Albtraum - Wenn dich nachts die Flucht einholt

Syrische Geflüchtete vereint vieles - die Fluchterlebnisse, die schmerzhaften Erinnerungen sowie Schwierigkeiten beim Ankommen. Vor allem aber teilen sie sich eines: ihre Albträume.  

von Jelena Pantić und Neivein Haddad, Fotos: Susanne Einzenberger

Der 18-jährige Mahmoud steht auf dem Familien- Bauernhof in seiner Heimat Syrien und hört plötzlich einen Schuss. Das Adrenalin schießt durch seine Adern, sein Fluchtinstinkt aktiviert jede Zelle in seinem Körper und er beginnt zu laufen. Er läuft um sein Leben und eine Gruppe von Soldaten rennt ihm hinterher, um es auszulöschen. Mahmoud hört einen weiteren Schuss, diesmal betäubend laut und bedrohlich nahe. Ein Schmerz durchsticht seinen Körper. Die Kugel trifft ihn in den Rücken. Dann wacht er auf.

Wovon der Wiener Gymnasiast Mahmoud in der Nacht heimgesucht wird, ist ein typischer Albtraum syrischer Geflüchteter. Vor einigen Wochen beschreibt ein Syrer, der nun in Österreich lebt, auf Facebook einen seiner Albträume. Darunter kommentieren hunderte Syrerinnen und Syrer und erzählen, denselben oder einen sehr ähnlichen Albtraum gehabt zu haben. Die Details unterscheiden sich, manche träumen, sie flüchteten vor dem IS, manche vor der Regierung. Die Basis ist aber dieselbe: Sie alle träumen wieder im Syrienkrieg gefangen zu sein und nicht fliehen zu können. Und alle stellen sich im Traum die eine Frage: Warum bin ich hierher zurückgekommen?

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We Have A Nightmare: Die Flucht nach Österreich haben diese Syrer geschafft - vor ihren Träumen können sie aber nicht fliehen. (Foto: Susanne Einzenberger)

„Die Entscheidung verfolgt einen.“
Ähnlich wie Mahmoud, träumt auch der 27-jährige Zakarya von Soldaten. Tags- über versucht er seit zweieinhalb Jahren im österreichischen Journalismus Fuß zu fassen, nachts verschlägt es ihn aber wieder in seine Heimat Syrien. Einer seiner immer wiederkehrenden Träume spielt sich im Morgengrauen ab, als alle in seinem Haus noch tief schlafen. Plötzlich tritt jemand die Tür ein und ruft: “Kontrolle, steh auf!” Zakaryas Traum rührt von einer wahren Begebenheit, denn er wurde tatsächlich eines Morgens in Syrien von Soldaten zur Kontrolle aufgeweckt. Der 68-jährige deutsche Therapeut Udo Baer befasst sich seit Jahrzehnten mit Kriegstraumata und ihren Folgen. Er erklärt, dass ein Kriegsszenario einer der drei großen Albträume ist, der Geflüchteten keine Ruhe lässt.

Auch jenen, die nicht unmittelbar betroffen, sondern Zeugen waren und beispielsweise gesehen haben, wie Nachbarn furchtbare Dinge widerfahren sind. Er betont, dass Trauma ein Prozess ist und sich schichtweise im Unterbewusstsein der Betroffenen manifestiert. Alle Geflüchteten machen denselben Prozess durch, es gibt die Phase der Entscheidung, der Flucht und des Ankommens. Während der Fokus der Medien und der Forschung auf der Kriegshandlung liegt, wird der Prozess der Entscheidung oft vernachlässigt. Der Kriegstraum bezieht sich aber genau auf die angsterfüllte Phase der Entscheidung: „Gehe ich oder bleibe ich? Wenn ich gehe, mit wem? Wie? Schaffe ich es? Was wenn ich nicht rauskomme? Aus dieser Angst baut der Traum auf. Ein sehr quälender Prozess für die Betroffenen. Die Entscheidung verfolgt einen, denn man lässt bei der Flucht immer etwas zurück – vor allem Menschen“, erklärt Baer.

Die Co-Autorin NEIVEIN HADDAD ist 25 Jahre alt, kommt aus Syrien, hat dort Medien und Kommunikation studiert und beim Syrisch-Arabischen Roten Halbmond gearbeitet. Seit zwei Jahren ist sie in Österreich und absolviert derzeit ein Arbeitstraining beim Arbeiter-Samariterbund. In Zukunft möchte sie auf der Uni Wien Publizistik studieren.

Die Trigger sind überall
Von Menschen handelt der zweite große Albtraum, der so vielen Geflüchteten den Schlaf raubt: Sie erreichen ihre Liebsten oder ihr Ziel nicht. Die syrische Musikerin Oscar träumt, dass sie nach Syrien zurück muss, um Lebensmittel zu kaufen. „Nachdem ich alle Produkte gekauft habe, sagt mein Mann zu mir ‚Treffen wir uns in Jaramana‘ (Anm. d. Red. etwa 10km von Damaskus). Doch zu diesem Treffen kommt es nicht, denn ich erreiche ihn nie und bleibe ganz alleine.“ Die 23-Jährige meint, diese Träume hätten “keine große Wirkung auf ihr tägliches Leben”. Tagsüber ist Oscar mit ihrem einjährigen Baby voll beschäftigt – Alltag und Verpflichtungen lenken sie ab. Doch Dinge, die ihre Angst entfachen könnten, sogenannte Trigger, sind überall um sie herum. Baustellen erinnern an Schutt und Asche, Sirenen oder Flugzeuggeräusche sind Geräuschkulisse des Krieges und ein Wasserhahn kann schnell zum Rauschen des Mittelmeeres werden.

An sich hat das einen evolutionären Sinn, erläutert Baer. Wenn der Mensch im Busch das Fauchen eines Säbelzahntigers gehört hat, dann wusste er, er muss rennen – Flucht ist hier eine Schutzreaktion, um die Existenz zu sichern. Geflüchtete sind dem „Fauchen des Säbelzahntigers“, den Triggern, jedoch konstant ausgesetzt. Aber man weiß doch, dass der Wasserhahn keine Gefahr darstellt? Prinzipiell schon, doch das Traumagedächtnis spielt Erlebtes eben nicht ganz genau nach, sondern nur ähnlich. Der äußere Anlass mag nicht real sein, die Angst der Betroffenen aber umso mehr, denn das Erlebnis fühlt sich exakt so an, als ob es im Hier und Jetzt geschehen würde. Bei manchen äußert sich die Reaktion auf die Trigger in einer sofortigen Panikattacke, bei manchen eben als Albtraum in der Nacht.

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Zakarya Ibrahem, 27, träumt nachts von Soldaten, die sein Haus in Syrien stürmen. (Foto: Susanne Einzenberger)

Existenzängste und Suizidgedanken
Die dritte große Art von Albträumen Geflüchteter ist jene am Rande eines Abgrunds zu stehen oder in einen Abgrund zu fallen. „Krieg ist eine existenzielle Wunde, wo es um Sein- oder Nichtsein geht, man fühlt sich ‚aus dem Leben geworfen‘“, erläutert Baer. Mit Existenzängsten kommen die Menschen über die Grenze und legen diese auch lange nicht ab. Manche haben gerade in dieser Anfangsphase verstärkt Albträume, weil so vieles neu, ungewohnt und beängstigend ist. Andere haben die Albträume aber erst, wenn sie alles Bürokratische erledigt haben und richtig angekommen sind. Baer veranschaulicht: „Wenn das vorbei ist, hat die Seele Zeit sich zu melden. Krieg ist eine existenzielle Bedrohung des Herzens und das Herz vergisst nicht.“

Diese Albträume haben nicht nur Geflüchtete aus Syrien. Vor allem aus der Betreuung ex-jugoslawischer Geflüchteter kennt Udo Baer ähnliche Erzählungen: „Die Trigger sind vielleicht anders, aber das Traumagedächtnis funktioniert gleich.“ Bei manchen Menschen mit Fluchterlebnissen kommen die Albträume erst, wenn sie über 60 sind und die Kraft zur Kontrolle nachlässt. Doch auch wenn das Trauma früher erkannt wird, kann die Wartezeit für einen Therapieplatz lange dauern: „Bis dahin sind viele depressiv, Alkoholiker, halten sich für verrückt, sind suizidal oder bringen sich sogar wirklich um“, erzählt Baer und nennt die vorherrschende Situation unmenschlich. Für den Journalisten Zakarya ist die Realität viel frustrierender, als ein Albtraum es je sein könnte. Die Lösung sieht er im Ende des Krieges. „Seit fünf Jahren habe ich meine Familie nicht gesehen und das kann noch zehn Jahre dauern. Der Traum hört auf, wenn die Person ihr Ziel erreicht. Meine Albträume werde ich also los sein, wenn ich meine Familie sehe.“ ●

EXPERTENMEINUNG: Wie bekommt man die Albträume weg?

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Dr. Udo Baer, deutscher Therapeut, Kriegstraumata sind eine seiner Schwerpunkte.

Besteht die Chance auf Heilung?
Es ist ein langer Prozess, denn das Trauma sitzt tief. Das Schlimmste ist das Alleinsein. Wird man alleine gelassen, kann die Wunde nicht heilen. Wenn man sich das Bein bricht, braucht man eine Schiene, Medikamente, ein gutes Buch, einen guten Film und Leute, die einem buchstäblich wieder auf die Beine helfen – erst dann kann das Bein heilen. Der Knochen wächst zusammen und vielleicht tut es manchmal beim Wetterwechsel weh. Geflüchtete werden aber alleine gelassen und dann passiert folgendes: Es wächst vielleicht zusammen, aber es tut bei jedem Schritt weh. Alte Ängste kommen hoch und der Organismus erinnert: „Es kann immer wieder etwas passieren.“

Was können Betroffene tun?
Gemeinsames Tun ist der wichtigste Schritt zur Besserung – und zwar Dinge tun, die weit vom Krieg entfernt sind. Geflüchtete können einander gut Trost spenden, da sie nachempfnden, was der/die andere durchgemacht hat. Doch auch jene, die keine Flucht durchmachen mussten, können viel bewirken. Man kann das Trauma nicht einfach wegradieren – wenn es kommt, muss man darüber reden, einander zuhören und gemeinsam weinen. Darüber hinaus auch Dinge tun, die einen stärken und Spaß machen wie Singen, Tanzen, Malen oder Kochen. Die Devise lautet: Würdigen, was ist und neue Erfahrungen sammeln, die nicht schmerzhaft sind.

Auch mit kreativen Stärkungsgruppen konnten wir Erfolge erzielen, in dem „alte“ Geflüchtete mit „neuen“ darüber reden, was sie getröstet hat und wie sie darüber hinweggekommen sind. Das sogenannte „imagery rehearsal“ ist auch eine Möglichkeit. Hierbei stellen sich die Betroffenen ihren Albtraum untertags in allen Einzelheiten vor, nur nimmt der Traum hier ein gutes Ende.

Gehen die Albträume jemals weg?
Ich bin selbst aus der DDR geflüchtet und träume noch immer einmal im Monat davon, meine Frau nicht erreichen zu können. Die Albträume gehen vermutlich nicht ganz weg, aber sie kommen nicht mehr so oft und nicht so machtvoll.

 

Buchtipp:

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Udo Baer und Gabriele Frick-Baer: Flucht und Trauma – Wie wir traumatisierten Flüchtlingen wirksam helfen können. Erschienen 2016 beim Gütersloher Verlagshaus, erhältlich um 17,99 Euro

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