Moderne Beziehungsmärchen zwischen Kitsch und Karma

03. November 2016

Wie die meisten Mädchen bin ich mit Disneyfilmen, klassischen Märchen und Hollywoodromanzen aufgewachsen. Dass die Märchenrealität jedoch so rein gar nichts mit den Problemen einer modernen Frau zu tun hat, wissen wir spätestens seit wir uns das erste Mal in der Apotheke die Pille danach besorgt haben, leicht panisch und mit verschmiertem Make-up vom Vortag im Gesicht. Die moderne Prinzessin genießt eben ihr Singledasein. Wer braucht schon einen Prinzen auf dem weißen Pferd, wenn man den Schimmel ebenso erfolgreich im eigenen Kühlschrank züchten kann?

So sieht es nämlich aus, im modernen Märchenland: Jahrelang steckst du in der Liebesflaute fest und findest dich mehr und mehr damit ab, dass es in dieser trostlosen Welt wohl keinen Mann für dich gibt. In einem Moment sitzt du mitten in der Nacht mit völlig verheulten Augen und einer Riesenportion Schokoeis auf dem Boden und bemitleidest dich, nur um im nächsten Moment mit Wollsocken und Pyjama auf dem Bett zu stehen, und „I will survive“ in deine Haarbürste zu grölen. Ja, überleben. Tief im Inneren bleibt natürlich auch nach dem vierten Jahr des Singledaseins immer noch ein Fünkchen Hoffnung, dass es da vielleicht doch irgendwo diesen einen Typen gibt, den ganz persönlichen Märchenprinzen, mit dem wir unser Leben lang zusammenbleiben. Der eine Typ, der dich wachküsst aus deinem hundertjährigen Beziehungskoma. Und es gibt ihn. Er taucht aber erst auf, nachdem dein Liebesleben bereits für klinisch tot erklärt wurde und du dich dazu durchgerungen hast, die Geräte, die ihm den letzten Atem, ein leichtes  Herzklopfen nur, einhauchen sollten, abschalten zu lassen.

Dann steht er da. Er steht vor dir wie ein strahlender Ritter (ganz ohne Aluhut). Kaum bist du dir wirklich sicher, dass du auch ohne Typen überleben kannst, wummm steht einer da und die Pyjama-Wollsocken-Schokoeis-Sessions haben erst mal Pause. Und plötzlich weißt du es. Auf einmal macht es Sinn und du warst dir in deinem ganzen Leben noch nie so sicher. Sicher, dass die Gebrüder Grimm Teil der Lügenpresse waren. Denn irgendwo zwischen „Der Prinz küsste die Prinzessin“ und „Sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende“ ist wohl mehr nützliche Info verschwiegen worden als in jeder IKEA-Aufbau-Anleitung.

Die Info zum Beispiel, dass die Prinzessin eine Woche nach dem Kuss eine whatsapp Nachricht vom Hofnarren, in den sie lange Zeit heimlich verliebt war (nichts ist so anziehend auf Frauen wie Humor), bekommt, in der er ihr seine Liebe gesteht. Der Gärtner schickt ihr Blumen und outet sich als langjähriger heimlicher Verehrer. Sogar eine Rosenhecke hat er nur gepflanzt, um sie für sich zu gewinnen. Aber warum outet er sich nach dem hundertjährigen Schlaf gerade jetzt? Jetzt, wo die Prinzessin von einem anderen wachgeküsst wurde?

Mal im Ernst, wer kennt das nicht? Kaum lässt du dich auf jemanden ein und ohne dass du es überhaupt noch wem erzählt hast, meldet sich dein Ex-Freund, um dir zu sagen, wie sehr er dich vermisst. Dein süßer Nachbar, der schon jahrelang neben dir wohnt und nie den ersten Schritt gewagt hat, möchte mit dir ausgehen und sogar Julian, dem du mit 5 Jahren mal eine gescheuert hast, weil er deinen Sandkuchen nicht essen wollte, meldet sich nach all den Jahren und gesteht dir, dass du die EINE für ihn bist. Warum JETZT?

Warum jetzt und nicht in all den Jahren vorher, in denen du dir nichts sehnlicher gewünscht hättest? Ist das alles nur ein Zufall? Vielleicht. Oder Karma? Wie kitschig. Feng-Shui? Liegt es an der positiven Ausstrahlung? Vielleicht ist es nicht mehr und nicht weniger als Aktion und Reaktion: Wenn man sich für eine Sache öffnet, einen neuen Handytarif, den 80-er Jahre Look oder eben auch für die Liebe, sich auf etwas Neues einlässt, können unerwartete Dinge passieren. Auch wenn diese vielleicht neue Herausforderungen mit sich bringen (wir haben euch vor dieser Dauerwelle im 80ies-Style gewarnt!).

Eines ist klar: Liebe kennt keine Storyline. Sie ist aufregend und schön, aber oft auch kompliziert, verwirrend und sogar ängstigend. Gerade deshalb bleiben wir oft lieber in unserer Komfortzone. Man muss aber schon einen Schritt auf sie zumachen, sonst kommt sie nicht an uns heran. Und lässt du sie erst mal an dich heran, gibst du gleichzeitig jegliche Kontrolle über das ab, was als nächstes passiert. Keiner weiß, wo die Liebe hinfällt. Aber auch wenn sie mal hinfällt, gibt’s für eine  echte Prinzessin nur eins: Aufstehen, Krönchen richten, weitergehen.

 

 

 

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