"Männergewalt" und Pseudofeminismus

12. Januar 2016

Köln – Hauptbahnhof. Angesichts der Ereignisse in der Silvesternacht ist so gut wie jeder auf irgendeinen Zug in Sachen Frauenrechte aufgesprungen. Vieles von den derzeit kursierenden Meinungen ist bei genauerem Hinsehen jedoch kontraproduktiv und nur einmal mehr Beweis, dass wir von Frauenrechten bislang nur Bahnhof verstehen.


 

Das böse F-Wort

Feminismus ist ja……. - Oh nein, jetzt hat sie das böse F-Wort gesagt, diese Emanze! Derartige Zuschreibungen sind ja keine Seltenheit. Sich für Frauenrechte einzusetzen ist also in Ordnung, aber bitte nur in einer Weichspülvariante? So wird das nicht klappen und meiner Meinung nach liegt dem viel zu oft schlicht eine falsche Definition des Begriffs zugrunde.

Also zurück auf Anfang: Feminismus ist ja nicht mehr und nicht weniger als eine Bewegung, die bestehende hierarchische Strukturen, die eine Ungleichbehandlung von Frauen nach sich ziehen, offenlegen und verändern möchte. Na, das hat doch jetzt nicht wehgetan, oder etwa doch? Das Ziel ist also Gleichheit im Sinne einer Gleichheit an Rechten und deren Umsetzung in allen gesellschaftlichen Bereichen. Und genau an diesem Punkt liegt für mich der Kern eines qualifizierten feministischen Zugangs, der in dieser Debatte vollkommen verloren geht: Gleichheit kann nie über neue Formen der Ungleichheit erreicht werden.

Flüchtlingshetze und „Männergewalt“

Es kann also keinesfalls zielführend sein, Frauenrechte als Argument für Ausgrenzung zu missbrauchen. Eines der für mich ekelhaftesten Momente in der ganzen Diskussion ist der Punkt, an dem rassistische Hetze auf dem Rücken von Frauenrechten betrieben wird. Besonders gerne wird damit argumentiert, dass es wichtig wäre, „unsere Frauen“ zu schützen. An dieser Stelle schüttelt es mich jedes Mal angesichts des Possessivartikels „unsere“. WIR SIND NICHT EUER EIGENTUM! Und wenn jemand mit einer mir dermaßen fremden Gesinnung von mir als „unsere Frauen“ spricht, dann empfinde ich das als Übergriff, wenn auch nicht als körperlichen.

Gleichzeitig wird aber gerade von RassismusgegenerInnen der Begriff „Männergewalt“ bedenkenlos verwendet, da ja alle Täter Männer waren. Dieses Wortungetüm alleine ist absolut untragbar, da es seinerseits alle Männer als potenzielle Täter darstellt. Dass auch Männer Opfer von sexualisierter Gewalt sein können, wird dabei wieder einmal vergessen. Und überhaupt macht es mich wütend, dass viel mehr über die Täter (die mit Sicherheit angemessen bestraft werden müssen) spekuliert als über die Opfer gesprochen wird.

Miniröcke und Hijabs

Aber wenn dann jemand mal über die Opfer spricht, werden sogleich auch wieder Ungleichheiten auf den Plan gerufen. „Unsere Frauen“ sind nämlich die Frauen, die sich aufreizend anziehen dürfen, im Gegensatz zu den anderen Frauen, den Frauen von denen, die sich verschleiern lassen. Es ist für mich unerträglich, wie wir durch derartige Zuschreibungen neue Hierarchien bilden und die Welt in schwarz und weiß aufteilen, in richtig und falsch. Nichts widerspricht dem feministischen Grundgedanken mehr. Es geht ja nicht um Minirock oder Hijab, sondern einzig und allein um Selbstbestimmung. Und falls ich hinter dem Kleidungsstil einer Frau eine Form der Unterdrückung wittere, geht es darum, sie nicht zu verurteilen, sondern sie umso mehr als eine Schwester im Herzen beim Kampf um gleiche Rechte zu betrachten. Das betrifft die verschleierte Frau im Osten ebenso wie die halbnackte Prostituierte am Straßenstrich im Westen, wenn wir schon Klischees bedienen wollen.

Wir alle sind das Opfer

So zu tun, als wäre die Kleidung von Frauen ein Motiv für derartige Übergriffe, ist sowieso nichts weiter als irreführend. Denn das sind Gewaltakte, bei denen es um nichts anderes als Gewaltausübung geht. Wir alle könnten betroffen sein. Dauernd stelle ich mir vor, wie bedrängt sich die Frauen gefühlt haben müssen, welche Angst sie hatten, wie unglaublich schmutzig sie sich danach sicher gefühlt haben. Ich stelle mir vor, wie sie sich schämen und wie schwer es ihnen fällt, überhaupt über das Geschehene zu sprechen und wie viel Mut jede einzelne Anzeige gekostet haben muss. Ich stelle mir vor, wie sie stundenlang duschen, um die gefühlte Schande von sich abzuwaschen. Denn das Paradoxe ist doch, dass die Opfer solcher Taten sich schämen, sich beschmutzt fühlen. Die Opfer von Köln genauso wie jedes andere Opfer von sexualisierter Gewalt, weiblich oder männlich, erwachsen oder Kind, zu jeder Zeit und an jedem Ort. Darüber sollten wir sprechen, ohne Vorurteile und Generalverdacht, auf Augenhöhe. Frauen, Männer, Flüchtlinge, Einheimische.  Holen wir die Opfer aus der Tabuzone, es ist allerhöchste Zeit!

 

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Kommentare

 

Laut Statistik werden nicht einmal zehn Prozent der Sexualstraftaten angezeigt, weil die Täter zur absoluten Mehrheit aus dem engeren Umfeld der Opfer (Kinder, Frauen und Männer) kommen.

 

Jedes Handeln findet mit soziokultureller Prägung statt. Das wäre absolut unwissenschaftlich, wenn man sagt, Köln hätte nichts mit Herkunft zu tun, und weil es halt Migranten sind reissen wir deren Verhalten aus dem kulturellen Kontext heraus. Das ist genauso eine einseitige, zurechtgezimmerte Propaganda wie die Hetze der Rechten.
Schau dir das bitte an http://www.mrctv.org/videos/trailer-documentary-sexual-harassment-belgium und dann sag mir: was wenn die Verallgemeinerung zutrifft? Was wenn die Mehrheit der Männer aus Land xy ein problematisches Frauenbild haben und 'Werteschulungen' zu spät/unwirksam wären ?
Vertuschen wir das, weil eine uns unpassende Partei dasselbe behauptet hat?

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