Wiener Dialekt trifft türkische Violine und serbisches Akkordeon

11. Oktober 2016

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Birgit, Efe und Nikola
Birgit, Efe und Nikola (Foto: Zuzana Sieder)

Birgit Denk ist "DIE Stimme des Wiener Dialekt" und ihre Band DENK feierte gerade ihr 15-jähriges Jubiläum. Seit 2015 moderiert und gestaltet Birgit auch die Sendung DENK mit Kultur auf ORF III. Efe Turumutay und Nikola Zaric hingegen sind ein türkisch-serbisches Geigen-Akkordeon-Duo, das die Klänge von Orient und Balkan in die Weite des Tango, Jazz, der Kammermusik oder Klassik tragen. 

Schön, dass die drei nun zusammenfinden. 

„Das Akkordeon kommt der Geige ganz nahe, manchmal scheint es fast wie ein einziges Instrument, mit dessen Spiel sie ihre Seele nach außen stülpen und die Zuhörer einfangen.“

Biber: Du wirst anatolische Lieder interpretieren, serbisch singen und Wiener Melodien ein orientalisches Gewand anziehen. Kannst du jetzt Serbisch oder hast du nur bestimmte Liedtexte auswendig gelernt?

Birgit Denk: Ich kann kein Serbisch sprechen, aber singen, ohne dabei viel zu verstehen. Das ist ja das Schöne an der Musik, auch die Worte sind Musik und müssen nicht eins zu eins verstanden werden.

Biber: Verändern sich deine Emotionen, wenn du auf einer anderen Sprache singst? Wie fühlt sich Serbisch für dich an? Wie österreichischer Dialekt?

Birgit: Die Art zu singen wird anders, wenn man die Sprache wechselt. Bisschen technisch vielleicht, aber wo der Ton herkommt ist anders, manche Gesichtsmuskeln haben weniger, andere mehr zu arbeiten. Serbisch fühlt sich vertraut an, da diese Sprache ja schon mein ganzes Leben lang zu meiner Umgebung gehört. Die Schulkollegen, die Mitarbeiter meines Vaters, Freundinnen,… Serbisch fühlt sich vertraut fremd an, als ob man ein Kleid anzieht, das man noch nicht oft getragen hat, aber das passt und nicht zwickt. Der österreichische Dialekt, der ostösterreichische Dialekt ist meine Haut, so fühlt sich das an!

Biber: Was kann Dialekt ausdrücken, was sonst in keiner Kultur/Sprache möglich wäre?

Birgit: Dialekt ist Kultur und Sprache. Die Kultur in die man hineinwächst, die emotionale Heimat. Dialekt verändert sich mit der Zeit und mit den Benutzerinnen. Hochsprache ist verordnet und soll sich schon rein gesetzlich nicht ändern. Im Dialekt haben alle ein Zuhause die hier leben, sie können mitgestalten. Deshalb ist ja diese Sprache gespickt von Worten anderer Herkunft, hebräisch, französisch, tschechisch, englisch, serbisch, türkisch, arabisch, alle die hier Leben können sich sprachlich auf Jahrhunderte einbringen. Das ist in der Hochsprache kaum möglich. Dialekt ist die lebendige Sprache einer Kultur.

Biber: Wie passen diese drei Arten so gut zusammen?

Birgit: Wir drei Personen, wir drei Musiker passen gut zusammen. Warum? Weil wir es wollen! Jeder bringt sein Wissen, sein Können, seine Leidenschaft für eine Musikrichtung mit, wirft sie mit den anderen in eine große Kiste und wir schauen wohlwollend was dabei herauskommt, wenn wir uns aktiv miteinander damit beschäftigen. Zuhören, ausprobieren, darauf einlassen, das können Musiker, egal welcher Herkunft sie sind.

Biber: Was ist aus der Sicht von jemandem, der nicht mit dieser Musik aufgewachsen ist, an serbischer und türkischer Musik faszinierend?

Birgit: Türkische Musik hat Leidenschaft, eine Rhythmik die mit unseren musikalischen Gewohnheiten kaum etwas zu tun hat. Auch die Art zu singen und zu interpretieren ist verspielter, geschmückter und ausgestalteter als unsere Volksmusik. Serbische Musik hat enorm viel Temperament und Kraft. Traurige Lieder sind todtraurig, lustige Lieder sind umwerfend lustig und wenn ernst gespielt wird, gibt es sonst nichts, wenn Musik zum Feiern erklingt, duldet sie niemanden der in der Ecke sitzt.

Biber: Nach über 15-jähriger Karriere - welche Wünsche blieben bisher unerfüllt?

Birgit: Ich hatte nie konkrete musikalische Wünsche, außer vielleicht dass es mehr Musiker auf dieser Welt geben sollte!

Biber: Efe, Nikola, was macht euch zu einem so eingespielten Team?
Efe Turumtay & Nikola Zaric: Obwohl wir ja seit 7 Jahren, nicht konstant, aber immer wieder miteinander in verschiedensten Formationen musiziert haben, widmen wir uns nur unserem eigenen Zusammenspiel seit zwei Jahren und die monatelange Vorbereitungszeit, sei es intensives, detailliertes Proben oder ständiges miteinander Reden über die eigene Musik vor unserem Debutalbum macht eigentlich unser eingespieltes Team aus. Abgesehen davon muss man dazu sagen, dass ja die türkische Musikkultur und die Mentalität selbst enorm große Ähnlichkeiten mit dem Balkan hat. So gesehen könnte das auch ein Grund für unser eingespieltes Tandem sein. 

Biber: Nach 7 Jahren Zusammenarbeit - Was schätzt ihr am jeweils anderen am meisten?
Efe & Nikola: Wir denken, wir sind seltene Musiker, die sowohl in der Wiener Weltmusik-Szene also auch jeweils in der türkischen und jugoslawischen Volksmusikszene sehr aktiv sind und das eigentlich sehr gerne machen. Daher schätzt der eine dies am anderen und somit funktionieren wir beide sehr gut, weil wir so vielseitig sind und zu fast allen Stilen einen sehr ähnlichen Zugang haben. Zwei große Stärken, die wir beide haben, ist die musikalische Anpassungsfähigkeit und diese gewisse Kompromissbereitschaft im Sinne von sehr schnell eine gemeinsame Sprache mit anderen Musikern finden. 

Biber: Was macht ihr, wenn ihr nicht gemeinsam auf der Bühne steht? Wo hängt ihr ab?
Efe & Nikola: Wir besuchen gerne ab und zu interessante Konzerte in Wien und machen oft sehr gerne Sachen, die nicht viel mit unserem Projekt zu tun haben - wie in Wien gut essen gehen, aber die meiste Zeit unserer Freundschaft haben wir eigentlich musikalisch miteinander zu tun, was uns ja sehr freut. 

Biber: Was macht die Zusammenarbeit mit Birgit besonders?

Efe & Nikola: Birgit gibt unserer Musik ein neues Licht! Durch ihren humoristischen und sehr lebendigen Zugang zur Musik macht es uns sehr Spaß mit ihr auf der Bühne immer wieder lachen zu können. Wir singen Lieder sogar auf Wienerisch mit ihr. Sie schafft es immer wieder das Publikum daran zu erinnern, wie schön und wichtig so eine kulturelle, musikalische Mischung eigentlich ist. 

Biber:Was macht Wien für euch besonders?

Birgit: Wien ist tatsächlich der Schmelztiegel von dem die Rede ist. Vielleicht ist der oft beschworene Schmäh verlogen, die Offenheit geheuchelt, der Charme von gestern. Trotzdem geht es sich immer wieder aus, dass diese Stadt aufnimmt und eingrenzt, annimmt und manchmal auch zusammensteht. Ich weiss nicht woher es kommt, aber Wien schafft es nach anfänglicher Ablehnung und „na geh“ immer wieder zu integrieren. Das ist das Besondere an Wien.

Efe & Nikola: Wir denken, dass Wien kulturell von Jahr zu Jahr immer offener und engagierter wird, was für unsere weiteren musikalischen Ziele und Projekte von großer Bedeutung ist. 

 

Was? „AD SPEM an die Hoffnung“ - Turumtay/Zaric ft. Birgit Denk

Wann? 18.10. um 20:00 Uhr

Wo? Stadtsaal, Mariahilfer Str. 81, 1060 Wien

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