Zadić macht meine Tante stolz

07. Januar 2020

Sie hat es getan. Schon wieder! Am Wahlabend des 15. Oktober 2017 schrieb mir meine Tante aus Mostar per Whatsapp: „Kurz hat gewonnen, das ist deine Chance!“. Mehr als zwei Jahre später bekomme ich gestern Abend ganz unerwartet folgende Zeilen von meiner Tante geschickt: „Ein großes Bravo für Alma aus Tuzla, die neue Justizministerin. So macht das unsere kluge Diaspora, zeigen, wer wir sind und wie viel wir wert sind.“

Die Nachricht zeigt: Bosnien und Herzegowina ist stolz auf seine abtrünnige Tochter. Während in Österreich Rechte und ehemalige Salafisten die Angelobung Zadićs als Justizministerin verhindern wollten, schaut die alte Heimat neidisch zu uns nach Österreich. Junge Frau, gebildet, mehrsprachig. Von solchen Profilen könnte das stagnierende Bosnien und Herzegowina einige gebrauchen.  Es ist allerdings auch eine neue Dimension des Stolzes: Das kleine Land produziert Musikstars oder Fußballsternchen, eine Justizministerin in einem hochangesehen Land (kann mich nicht erinnern, dass nur ein Bürger von BiH mal Österreich im negativen Kontext erwähnt hätte) mit gemeinsamer Geschichte, das ist außergewöhnlich! Stolz bis Wien und zurück.

Allerdings ist Zadic nicht die Erste. Das ehemalige Flüchtlingskind Aida Hadzialić fungierte von 2014-2016 für die schwedische Arbeiterpartei als Bildungsministerin und war damit die jüngste Ministerin des skandinavischen Landes aller Zeiten. Zadić hat wie Hadzialić ihre Heimat verlassen müssen. Ihre Familie musste genauso wie Abertausende von anderen Familien aus den Kriegsgebieten Ex-Jugoslawiens im Fernsehen mitansehen, wie ihre damalige Heimat in Schutt und Asche gelegt wird. Sie musste Alltagsrassismus ertragen, wie sie sich im biber-Interview von 2017 erinnerte. Sie wurde im Hohen Haus von ÖVP- und FPÖ-Abgeordneten gemaßregelt und ungefragt geduzt. Sie hat das Beste aus ihren Möglichkeiten gemacht, obwohl sie als Migrantin oft misstrauisch beäugt wurde. Dass sich die Tochter einer bosniakischen Familie während ihrer Zeit als Politikerin vor allem auf die Seite der Schwächeren gestellt hat, macht sie sympathisch und glaubwürdig. Zu den Schwächeren gehören auch Hundertausende Muslime, die in Österreich unter einem ständigen Generalverdacht stehen und für plumpe Symbolpolitik herhalten müssen. Zadić ist keine praktizierende Muslima. Vom islamischen Glaubensbekenntnis ist selbst in bosnischen Medien nichts zu lesen. Das kann uns ja – Kinder bitte weghören – SCHEISSEGAL sein, ob und wenn ja welche Götter die Justizministerin abends anbetet. Wichtig ist, dass sie mit ihrer Arbeit als Justizministerin in die Annalen eingeht und dabei die Menschen Österreichs stolz macht. In der alten Heimat hat sie das schon geschafft. Meine Tante kann das bestätigen. 

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